Casa Litterarum, Paliano / April 2013


Vielleicht lag es an dem außergewöhnlich langen Winter, der Österreich 2013 fest im Griff hatte. Bis weit in den April hinein Schnee, noch schlimmer: Schneeregen. Es nahm kein Ende. Nördlich der Alpen flüchteten sich die zermürbten Menschen in die Arbeit, stürzten sich offen in den Burn-Out, lieber Working Poor als im Freien sein, das war das Motto bei dem hoffnungslosen Wetter, alle hatten es satt, das graue, kalte Dasein. Ich aber hatte Paliano, Süditalien in meinem Kalender fett eingetragen. Roma. Nichts Besseres konnte mir passieren.
Auf Schneefahrbahnen fuhr ich Anfang April los. Rutschte über den Reschenpass hinunter in meinen Süden. All meine Hoffnungen hatte ich in das mediterrane Klima gesetzt. Zurecht: schon beim ersten Zwischenstopp im Vinschgau, wo ich Recherchearbeit für meinen neuen Roman zu erledigen hatte, strahlte mir die Sonne ins Gesicht. Mit jedem Kilometer, den ich die Alpenkämme weiter nördlich hinter mir zurückließ, stieg das Thermometer. Ich übernachtete in Florenz und spürte, wie mein Körper die Winterstarre ablegte und wieder zu leben beginnen wollte, leben, nicht weiterhin bloß arbeiten und schlafen. Dann kam ich nach Rom, nach Paliano, kam beim Casa Litterarum an, wo die saftig grünen Hügel strahlten, und dort überkam es mich, das Dolce Far Niente, dieses süße Nichtstun, das Italiener wie keine anderen beherrschen. Ich lernte schnell von ihnen, machte es wie sie. Ich wanderte, sinnierte, trank, kochte, speiste, schlief, lebte die Wintertage aus mir hinaus, vergaß den Winter, die Arbeit, vergaß die Pflicht. Stattdessen fuhr ich nach Rom, nach Neapel, ans Meer, in die Berge, oder bewegte mich schlicht nicht. Neues Leben ließ ich eintreten. Was immer Neues entstehen mochte, ich ließ es zu. Und so entstand – unerwartet, ungewollt, ohne Zwang – in der Stille des Latiums eine neue Lust am Arbeiten in mir, die fruchtbar war wie dieses Land. Plötzlich schrieb und schrieb ich, sah zu, wie ich schrieb, ohne es von mir zu verlangen, schrieb zwei kurze Essays, die nie veröffentlicht wurden, schrieb anderes Unveröffentlichbares und tippte dutzende Manuskriptseiten meines neuen Romans in den Computer. Erst mit Abstand ließ sich bewerten, was ich im Frühling Palianos zu Papier gebracht hatte. Sie vergingen in einem Wimpernschlag und blieben mir für immer haften, meine vier Wochen April im Casa Litterarum. Arrivederci, allora!

 

Auszug aus »Hans Platzgumer: Am Rand«
Copyright (© Paul Zsolnay Verlag)
(Roman, Paul Zsolnay Verlag, Wien, erscheint Frühjahr 2016) :

... Bloß ein kurzes Exposé legte ich Elena vor, mit der Bitte, formale Fehler zu korrigieren, bevor ich mein zweites Romanprojekt für ein Literaturstipendium einreichte. Dank Elenas Änderungen bekam ich die Förderung zugeteilt. Sie hatte – halbe Sachen waren ihr schließlich fremd – meinen Entwurf völlig umgearbeitet und den leicht unterwürfigen, akademisch, aber nicht allzu selbstsicher klingenden Ton getroffen, den die Jury erwartete. Elena verstand es besser als ich, mit dem Kanon des Bildungsbürgertums zu jonglieren. Ich war allein meiner Herkunft wegen von vornherein ausgeschlossen. Elena fälschte mein Curriculum Vitae, machte mich zum Germanistikstudenten und fingierte Beiträge für diverse Literaturzeitschriften und sogar Pressezitate, um mein Profil zu schärfen. Das führte dazu, dass wir 2003 sogar drei sommerliche Monate auf Staatskosten in der feudalen Wohnung einer römischen Villa verbringen durften, wo ich den Roman ein wenig weiterbrachte, mich vor allem aber dem Dolce Far Niente widmete, das die Italiener so meisterhaft beherrschten. Alles an der italienischen Lebensart kam mir vertraut vor und ich überlegte, ob es mit meinen Südtiroler Wurzeln zusammenhing, wie nahe mir dieses Entspannte lag, das nicht nur im Tagesablauf, sondern auch im Rhythmus der Italiener zu finden war und sich in ihren Intellekt hineinzog, der mir viel weicher, geschmeidiger vorkam als das verkrampfte Kampfdenken, das den deutschsprachigen Raum beherrschte.
- Hättest du wohl gern, meinte Elena. Das Alto Adige ist für Römer nicht Italien. Als Tirolesi gehst du durch, ja, aber besonders schmeichelhaft ist das nicht.

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Aus dem Gästebuch in Paliano

Elmar Mayer

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