Eröffnungsansprache von Dr. Wolfgang Kraus

Meine Damen und Herren,

ich werde keine Ansprache in allgemeinen Worten halten, sondern Ihnen in wenigen Sätzen eine Information geben über das Wesen und die Aufgaben der Gesellschaft, deren Wirken in diesen Räumen mit dem heutigen Tag beginnt. Ich habe die übliche Pressekonferenz mit dieser nun stattfindenden Eröffnung zusammengelegt, da wir alle, so glaube ich, weniger an Feierlichkeiten als an den Tatsachen interessiert sind.

Die „Österreichische Gesellschaft für Literatur“ wurde unter der Patronanz und mit der Hilfe des Unterrichtsministeriums gegründet. Sie ist keine neue Vereinigung von Autoren, sondern eine „Gesellschaft für Literatur“, eine Einrichtung, die auf sehr reale Weise die Arbeit des österreichischen Schriftstellers erleichtern und die Resonanz seiner Werke erhöhen soll. Meine Damen und Herren, es werden heute in aller Welt zum Thema „Förderung der Literatur“ schöne Worte gemacht. Ich will dieses Vokabular nicht weiter strapazieren, sondern Ihnen einige Tatsachen nennen. Sie sind die ersten Ergebnisse unserer vorbereitenden Arbeit.

1.) Die Gesellschaft hat im Unterrichtsministerium angeregt, vier österreichischen Autoren der jüngeren und mittleren Generation die Gestaltung bereits bestehender Romanprojekte zu ermöglichen. Über die individuellen wirtschaftlichen Probleme dieser Autoren wurde im Ministerium mit diesen Autoren selbst eingehend gesprochen. Herr Minister Dr. Heinrich Drimmel hatte die Freundlichkeit, unsere Vorschläge zu akzeptieren. Ich kann Ihnen die Namen dieser Autoren nennen: es handelt sich, alphabetisch, um Gerhard Fritsch, Fritz Habeck, Hans Lebert und Herbert Zand. Es wird möglich sein, im Rahmen des Unterrichtsministeriums weitere Vorschläge dieser Art zu realisieren.

2.) Auf Grund unserer Anregung wurde die Verleihung der Förderungspreise für Literatur vom Spätjahrestermin auf die Zeit vor der Buchwoche vorverlegt, sodaß die Preise noch im Herbstverkauf wirksam werden können.

3.) Wir konnten ausländische Universitäten, Wissenschaftler, Kritiker und Autoren, die über österreichische Themen arbeiten, aus einer dafür gewährten Subvention des Ministeriums mit der notwendigen Literatur versorgen. Diese Einzelaktionen werden noch erheblich erweitert werden.

4.) Als Orientierung über Gegenwart und Vergangenheit der österreichischen Literatur versenden wir mit 500 Gratisabonnements die einzige österreichische Literaturzeitschrift „Wort in der Zeit“ an ausländische Kritiker, Germanisten und Autoren, zum Teil nach Übersee, nach Afrika und in Ostländer. Der Inhalt der Hefte wird auf die Interessen dieser Leser Rücksicht nehmen. An Persönlichkeiten, die sich für österreichische Autoren interessieren, ohne die deutsche Sprache zu beherrschen, schicken wir ein zweimonatiges Bulletin in englischer und französischer Sprache, das unser Mitarbeiter Dr. Kurt Benesch redigiert.

5.) Wir haben in genauer Bibliotheksarbeit bereits ein Verzeichnis hergestellt, das uns die Lücken in der biographischen Literatur über österreichische Autoren der Vergangenheit zeigt. Wir werden den Universitätsprofessoren verschlagen, Dissertationen über solche Themen auszugeben, und uns bemühen, Fachleute mit der Arbeit über bisher in der biographischen und literaturhistorischen Berücksichtigung leer ausgegangenen Persönlichkeiten der Dichtung zu beauftragen.

6.) Wir haben außerdem ein Programm von Diskussionen, Lesungen und Vorträgen unter Mitwirkung österreichischer und ausländischer Persönlichkeiten festgelegt.

Die ersten Themen sind:
    „Autoren, Presse und Publikum“   
    „Abstrakte und konkrete Literatur“ und eine Reihe
    „Augenzeugen berichten über österreichische Dichter“,
in der persönliche Bekannte von Hofmannsthal, Musil, Karl Kraus, Altenberg und anderen sprechen werden, deren Erzählungen und Berichte wir als Dokumentation auf Tonband festhalten wollen.

Es sind außerdem Arbeitsgespräche angesetzt über Themen wie:
    „Der Autor und das Finanzamt“ und
    „Spendenfreiheit für Kunst und Wissenschaft“,
zu denen die maßgebenden Fachleute von den Behörden und der Wirtschaft geladen werden. Wir wollen uns dabei nicht auf den unmittelbaren Bereich der Literatur beschränken, sondern uns auch mit der allgemeinen kulturellen Situation befassen.

7.) Aus dem Ausland wurden in Zusammenarbeit mit dem Bundespressedienst der Feuilletonchef der „Neuen Zürcher Zeitung“, Dr. Werner Weber, und Dr. Karl Korn, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen“, nach Wien eingeladen, um mit österreichischen Autoren in Kontakt zu treten. Aus London haben wir den dort lebenden und wirkenden Wiener Prosaautor, Lyriker und Übersetzer Erich Fried, nach Wien gebeten. Er wird nach dreiundzwanzig Jahren seine Geburtsstadt zum ersten Mal wiedersehen.

8.) Es gehört zu den Aufgaben der „Gesellschaft“, mit aufgeschlossenen Autoren aus dem weiteren Bereich der ehemaligen Donaumonarchie in Verbindung zu treten. So kommt im Februar aus Jugoslawien der kroatische Lyriker und Essayist Zlatko Gorjan mit einem Vortrag über Ivo Andric und der Lyriker Gustav Krklec mit einer Lesung aus eigenen Werken. Einladungen für ein Symposion mit Schriftstellern aus Polen gehen dieser Tage nach Warschau und Krakau. Diese Einzeleinladungen und Diskussionen mit kulturellen Persönlichkeiten aller Länder sollen dazu beitragen, die eigene Position in der europäischen Entwicklung besser und kritischer zu erkennen und ihre Möglichkeiten deutlicher werden zu lassen.

9.) Durch die Verbindung mit den österreichischen Kulturinstituten im Ausland und im Austausch mit ausländischen Stellen, können wir, umgekehrt, österreichischen Autoren einen Aufenthalt nicht nur für eigene Lesungen, sondern auch für Studien im Ausland ermöglichen.

10.) Und jetzt noch ein uns sehr wichtiger Punkt: in engem Kontakt mit der Universität und den Schulen wird der Versuch gemacht, das Interesse an Literatur, am literarischen Leben überhaupt, zu stimulieren. Wir haben vor, in individuellen Gesprächen mit Rat und Tat junge Talente anzuregen, ihnen Wege zu zeigen, Türen zu öffnen und für sie konkrete Voraussetzungen zu schaffen. Also soweit dies möglich ist, für eine Literatur der Zukunft Sorge zu tragen.

Meine Damen und Herren, dies nur einige Punkte. Der Aufgabenkreis enthält noch viele Einzelheiten, und er soll über die von uns bereits erkannten Punkte hinaus noch erweitert werden durch Ihre Vorschläge. Denn es soll hier ein Forum der Projekte, der Kritik, der Aktivität gebildet werden, das versuchen will, manches vom mehr oder weniger scharf definierten „Unbehagen in der Kultur“ in positive Aktion umzuwandeln. Wir haben hier ein ständiges Sekretariat, und Zeit und Räume sind vorhanden für Gespräche, deren Ergebnisse realisiert werden sollten.

Ich selbst, als Kritiker von Beruf, nehme die Tatsache der ersten Ergebnisse und die Tatsache, daß die Räume, die Sie hier sehen, gefunden, zum Teil auch aus Spenden der Industrie und des Handels, restauriert werden konnten, als ein gutes Zeichen. Ich danke Herrn Minister Drimmel und seinen Herren für das Ermöglichen eines guten Starts und bitte Sie alle, unserem Vorhaben zu helfen.

Österreichische Gesellschaft für Literatur, am 18. Dezember 1961