Cornelius Hell

Cornelius Hell, Paliano-Tagebuch

 

Montag, 17. August 2015

Einmal muss das Fest ja kommen! Unsere erste Fahrt mit dem gemieteten Auto geht nach Olevano Romano. Wie sich die Stadt hinaufdrechselt auf den Monte Celeste! Das Fest des Santo Rocco wurde auf heute verlegt, weil es gestern geregnet hat. Auf dem Platz vor seiner Kirche trinken wir einen „Spriz“ und essen Pizza, danach gehen wir die sich schlängelnden Wege und Treppen hinauf zur mittelalterlichen Burg. Wir bleiben vor der Kirche Santa Maria di Corte stehen und blicken durch die Fenster in das Innere. Der von kleinen Häusern und Mauern umgebene Platz mit der Bank vermittelt Bergeinsamkeit mitten im urbanen Gehege. Unten dann auf dem Hauptplatz, vor der Kirche des Santo Rocco, ist die Tribüne aufgebaut, verspätet kommt die Musik in Gang, alles ist auf den Beinen, kleine Kinder sitzen auf den Schultern ihrer Eltern, nur oben auf einem Balkon hoch über dem Platz sitzt ein alter Mann, die Beine überkreuzt, ohne sich zu bewegen. Immer mehr werde ich Teil der sich fröhlich wiegenden und klatschenden Menge, spüre, dass ich leichter geworden bin in diesen Tagen, freue mich, dass das Bein nicht schmerzt, obwohl ich ganz flache Schuhe trage, und meine Beine nicht anschwellen, obwohl ich schon den ganzen Nachmittag ohne Stützstrümpfe unterwegs bin. Auch der Rücken tut nicht weh, obwohl ich die letzten Tage viel geschrieben habe, es ist, als kehrte mein Körper zurück in bessere Zeiten, als könnte er sich gesundschlafen und gesundatmen; als fiele das Gehetzt-Werden langsam von mir ab und die Angst, dass jederzeit wieder etwas Schlimmes passieren kann. Heiliger Rochus, der du gelitten hast! Die Stadt mit ihren vielen Balkonen und Blumen blüht gegen den Himmel empor, die Musik zieht die Menschen zusammen zu einem Festtagskörper, nur der alte Mann hoch über ihnen bewegt sich nicht, hat seine Sitzposition nicht verändert. Alles sehen und so unbewegt dasitzen – diese Ruhe und Distanz möchte ich erreichen, wenn ich schreibe, möchte den Menschen zusehen und vor allem mir selbst.