Rhea Krčmářová
Die alte Frau und das Mehr oder: Geschichte, die sich (nicht) begraben lässt
I, Das Grab der Grafen bleibt geschlossen
Nein, die Krypta könne man leider Gottes bis auf weiteres nicht besichtigen, lässt die Mikulover Stadtverwaltung mir ausrichten. Auch wenn man einen Schlüssel zur historischen Begräbnisstätte der »adeligen« Dietrichsteins am Hauptplatz der Südmährischen Grenzstadt habe, müsse man Besucherinnen und Besuchern bis auf weiteres den Eintritt verwehren. So lange die Besitzverhältnisse von den – im jahrelangen Restitutions-Disput zwischen der inzwischen 92-jährigen Mercedes Dietrichstein und der Gemeinde involvierten – Gerichten nicht eindeutig geklärt seien, machten sich alle, die die Grabstätte betreten, des unbefugten Eintritts schuldig.
Obwohl ich zugegebenermaßen ein wenig enttäuscht war, während meiner literarischen Mikulov-Residency die Krypta (eine der Hauptattraktionen der im deutschen als Nikolsburg bekannten) Stadt nicht besichtigen zu können, war ich fasziniert vom Jahre anhaltenden Gerichtsstreits zwischen der Seniorin und der Stadtverwaltung. Das Thema Restitution in Tschechien spielt in meinem Romanprojekt, das den Arbeitstitel »Dorf unter Wasser« trägt und an dem ich in Mikulov arbeitete, eine wichtige Rolle. Seit Beginn meiner Recherche vor 10 Jahren beschäftige ich mich mit den Disputen zwischen Staat und »adeligen« Familien.1
Der Streit zwischen der Stadt Mikulov und der in Argentinien lebenden Mercedes Dietrichstein (bzw. deren Anwälten) begann vor mehr als fünfzehn Jahren. Die alte Dame, die mit vollem Namen Olga Maria de las Mercedes Teresa Margarita Dietrichstein-Mensdorff-Pouilly heißt, wollte anfangs nicht nur die Krypta restituiert bekommen, sondern große Teile des im Jahr 1945 enteigneten Familienbesitzes. Der Rechtsstreit ging durch diverse Instanzen, Frau Dietrichstein verlor in letzter.
Dennoch versucht sie seit mehreren Jahren, zumindest die Familiengruft im Herzen Mikulovs wieder zu bekommen, und mit dieser Klage könnte sie sogar erfolgreich sein. Was das für die Krypta (nicht nur als letzte Ruhestätte, sondern auch als Fremdenverkehrsattraktion und Kulturstätte, wo auch immer wieder Konzerte abgehalten wurden) bedeutet, bleibt noch unklar.
II, Enteignung in drei(einhalb) Wellen
Warum hatten aber manche »adeligen« Familien wie die Sternbergs, Schwarzenbergs und zumindest Teile des weit verzweigten Mensdoff-Pouilly-Clans mit ihren Restitutionsforderungen Erfolg, während die Dietrichsteins und andere scheiterten? Das liegt daran, dass die Verstaatlichungen zu verschiedenen Zeiten und unter unterschiedlichen Umständen geschahen.
Die Enteignungen auf dem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei fanden in drei Wellen2 statt: Nach dem ersten Weltkrieg verstaatlichte die neu gegründete Republik den Besitz der Habsburger, 1945 im Rahmen der Beneš-Dekrete den der »deutschen« Adeligen, 1948 dann den der »böhmischen«, zusammen mit ZinshausbesitzerInnen, FabrikantInnen, aber auch BesitzerInnen großer Bauernhöfe oder kleiner Geschäfte. Meine Großtante Lída und ihr Mann besaßen in der Nähe des Prager Nationaltheaters eine kleine Fleischerei, die ihnen nach dem Februarputsch von den neuen stalinistischen Machthabern genommen wurde. Noch Jahrzehnte lang mussten beide die Schulden, die sie für den Betrieb aufgenommen hatten, zurückzahlen.
Nach der samtenen Revolution arbeitete das tschechische Parlament viel diskutierte Gesetze aus, die es den 1948 enteigneten Familien ermöglichte, ihren Besitz zumindest teilweise zurückzufordern. Was aber ist der genaue Unterschied zwischen dem »1945-er« und dem »1948-er Adel«?
Viele Familien, die in Tschechien über Jahrhunderte politisch und wirtschaftlich Macht ausübten, haben ihre Wurzeln außerhalb des tschechischen Gebiets, was man an Namen wie Sternberg, Dietrichstein, Mensdorff-Pouilly oder Colloredo-Mansfeld ablesen kann. Dennoch fühlten sich manche von ihnen dezidiert als »tschechischer Adel«, und unterschrieben, vereinfacht gesagt, nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten eine dementsprechende Deklaration. Unter den Unterzeichnern finden sich u.a. Mitglieder der Familien Belcredi, Colloredo-Mansfeld, Czernin, Dobrzensky, Kinsky, Mensdorff-Pouilly, Sternberg und Schwarzenberg. Ein Dietrichstein findet sich unter den Unterzeichnern nicht.
Dieses Bekenntnis zu Böhmen und Mähren missfiel den faschistischen Machthabern, führte zu verschiedenen Formen der Verfolgung: wirtschaftliche Pönalen, psychische Nötigung, in mehreren Fällen sogar Gefängnisstrafen. Der Besitz dieser Adeligen kam unter NS-Verwaltung, die Unterzeichner und ihre Familien waren auf ihren eigenen Schlössern nur geduldet. Nach Kriegsende wurden dann diejenigen enteignet, die die Erklärung nicht unterzeichnet hatten – sofern sie nicht aktiv im Widerstand gegen das NS-Regime waren.
Doch selbst wer sich als aktiv zum Tschechischsein bekannt hatte, blieb nach dem kommunistischen Putsch im Februar 1948 von der Verfolgung neuen kommunistischen Machthabern nicht verschont– ein Schicksal, das sich Adelige und Arbeitende teilten. Mein Großvater Karel Krčmář war während des Zweiten Weltkriegs Diplomat der Tschechischen Exilregierung in London, mein Vater erlebte als Bub Blitzkrieg und Bomben mit. Nach seiner Rückkehr Ende 1947 hätte Karel als Diplomat zur UN nach NY gehen sollen, dazu kam es nicht. Die neuen Machthaber entließen ihn, dem die Stalinisten genauso zuwider waren wie die Nazis, aus dem geliebten diplomatischen Dienst, er starb kurz darauf – möglicherweise an einem gebrochenen Herzen. Mein Vater, der als »Sohn eines bourgeoisen Klassenfeinds« galt, durfte nicht studieren, verlor wieder und wieder seine Anstellungen. Er baute Jahre lang Straßen und schwitzte am Hochofen, bevor er endlich als Journalist arbeiten konnte, zuerst bei der ČTK, dann bei Reuters. Auch Mitglieder »adeliger« Familien konnten nach 1948 von einem Hochschulstudium nur träumen, ehemalige »Barone« und »Gräfinnen« arbeiteten als Bergleute, Krankenschwestern oder Kulissenschieber, litten unter den gleichen Repressalien wie andere als Systemfeinde abgestempelte Menschen. Jiří Sternberg wurde zum Verwalter seiner ehemaligen Burg, von den Bewohnern von Český Šternberk »Genosse Graf« genannt. Den Dietrichsteins von Mikulov blieb dieses Schicksal erspart, der letzte »Graf«, emigrierte 1946 mit seiner argentinischen Frau und Tochter nach Argentinien, wo Mercedes aufwuchs und Psychotherapie studierte.
Die Beneš-Regierung argumentiere die Enteignung mit den NS-Verbrechen, die zweifelsfrei nicht nur von »Reichsdeutschen«, sondern auch von Mitgliedern der deutschen Minderheit in Tschechien begangen wurden. Sie verurteilte die Henlein- Anhänger, die den Einmarsch der deutschen Truppen unterstützt und damit unendliches Leid über die tschechische Zivilbevölkerung gebracht hatten. Dass neben tatsächlichen Nazis aber auch viele Unschuldige Besitz, Heimat und sogar in manchen Fällen ihr Leben verloren, wird in Tschechien erst seit einiger Zeit wirklich diskutiert (eine der Initiativen, die sich mit dem historischen Unrecht gegen Sudetendeutsche auseinandersetzt, ist der Brünner Marsch der Versöhnung, initiiert von Jaroslav Ostrčilík).
Die neuen kommunistischen Machthaber argumentierten nicht mit Verbrechen, die eben erst geschehen waren. Die Enteignungen der tschechischen Bevölkerung begründeten sie mit Jahrhunderten der Ausbeutung der Bauern- und Arbeiterklasse durch »Adelige«, durch Großgrund- und Fabrikbesitzer, und damit, dass sie mit dem Unrecht gegen sozial benachteiligten Menschen ein für alle Mal aufräumen wollten.
Grundsätzlich stellt sich ja die Frage, wie man mit historischem Unrecht umgeht, ob es je eine Möglichkeit der wahren Wiedergutmachung gibt, wenn alle Beteiligten seit Generationen tot sind. Die Enteignung des böhmischen Adels durch die Kommunisten kann man als einen solchen Versuch sehen – schließlich hätten all die Burgen, Schlösser und Villen nicht gebaut werden können, wenn die »adeligen« Familien ihren Untertaninnen und Untertanen nicht seit dem Mittelalter massiv ausgebeutet hätten (man darf nicht vergessen, dass die Leibeigenschaft in den österreichischen Kronländern erst Anfang der 1780-er Jahre abgeschafft wurde, in den deutschen Königreichen dauerte es sogar bis weit in die 1810-er Jahre). Andererseits waren bei der Enteignung im Jahr 1948 die schlimmsten Ausbeuterinnen und Ausbeuter seit mehreren bis vielen Generationen tot.
Die Kommunisten erklärten, das begangene Unrecht wieder gut zu machen, indem sie die konfiszierten Adelswohnsitze dem Volk zugänglich machten. Die Burgen und Schlösser, die als historisch am wertvollsten eingeschätzt wurden, wandelte man in Museen um. Aus den weniger »wertvollen« machten sie Wohnheime für Lehrlinge, Erholungsheime für die Arbeiterklasse oder psychiatrische Institutionen. Dass beim Umbau – vorsichtig formuliert – wenig Rücksicht auf die historische Bausubstanz genommen wurde, ist eine der Hauptklagen aller, die versuchen, die verfallenen Schlösschen in ihren ursprünglichen Glanz zurück zu versetzen. Allerdings vergingen sich die kommunistischen Machthaber nicht nur an »adeligem« Besitz, kulturelles Erbe aller Gruppen und Erbe fiel den Betonköpfen in Prag und Pressburg und ihren Kolleginnen und Kollegen von den örtlichen Nationalausschüssen zum Opfer. In Mikulov wurden in den 70-er Jahren zahlreiche Häuser des ehemaligen jüdischen Viertels dem Erdboden gleichgemacht, um auf den frei gewordenen Grundstücken Wohnhäuser bauen zu können. Der nahegelegene katholische Ortsfriedhof wurde etwa zur gleichen Zeit aufgelöst und ohne Rücksicht auf die Gefühle der Einwohner zu einem Park umgewandelt. Dass der große jüdische Friedhof nebenan ohnehin überwuchert und vernachlässigt war, bewahrte ihn wohl vor dem gleichen Schicksal wie das der christlichen Begräbnisstelle. Proteste gegen die Auflösung des Friedhofs gab es nicht, die Bevölkerung nahm den Verlust ihrer Familiengräber leidend, aber schweigend hin.
III, Neidlos oblige?
Einer, den das Thema Adel in Böhmen jahrzehntelang faszinierte und beschäftigte, war der vor einigen Monaten im hohen Alter verstorbene Journalist Vladimír Votypka. In den siebziger Jahren hatte er begonnen, mithilfe eines Freundes bei der zentralen Meldestelle Mitglieder alter Familien wie Sternberg oder Schwarzenberg aufzuspüren und – nachdem er sie überzeugen konnte, dass er kein Spitzel war – zu interviewen. Die Texte lagen dann bis zur samtenen Revolution in der Schublade, erst danach brachte Votypka sie unter dem Titel »Příběhy české šlechty« (auf Deutsch als »Adel in Böhmen« erschienen) heraus. Ab den 90-er Jahren besuchte er die Familien erneut, dokumentierte Rückkehr und Restitution in seinen Büchern (auf
Deutsch zusammengefasst zu »Rückkehr des böhmischen Adels«). Bei einem Interview kurz vor seinem Tod erklärte er mir: »Es herrscht ein Gefühl der Ungerechtigkeit, vielleicht des Neids zwischen den Adeligen, die nichts bekamen, und denen, die durch die Restitutionsgesetze ihre Burgen und Schlösser zurückbekamen.«
Es dürfte dieses Gefühl der Ungerechtigkeit sein, das Mercedes Dietrichstein dazu motivierte, gegen die Stadt Mikulov zu klagen. In einem Zeitungsinterview spricht sie vom Pflichtgefühl, das sie dazu trieb, den Familienbesitz zurückzufordern, in den ihre argentinische Mutter viel Geld investiert hätte. In ihren Augen war ihr Vater zudem kein NS-Anhänger. Inwiefern das der Fall war oder nicht, lässt sich auch vor Gericht nicht mehr eindeutig klären. Belegt scheint, dass Alexander Dietrichstein-Mensdorff-Pouilly bei einem Hitlerbesuch in Mikulov dem Führer den Eintritt zum Schloss verweigert hatte, und laut seiner Tochter war er während der NS-Zeit einige Wochen lang in Wien inhaftiert. Andererseits belegen Dokumente, dass Dietrichstein offenbar Mitglied der Sudentenpartei gewesen ist. Trotz gerichtlicher Streitigkeiten kam die Stadtverwaltung Mikulov ihr 2017 entgegen, und so bettete Mercedes Dietrichstein die Urnen ihrer in den 60-er Jahren verstorbenen Eltern in der Krypta zur Ruhe und erfüllte – so wird sie zumindest in der Nikolsburger Lokalzeitung ›Zpravodaj města Mikulov‹ zitiert– ein langjähriges Versprechen. Schon davor lieh Dietrichstein ihrerseits der Stadtgemeinde 30 Bilder aus Familienbesitz, um sie im Museum auf dem Schloss aufzuhängen und dem kurz vor Kriegsende ausgebrannten Schloss ein wenig des historischen Flairs zurückzugeben.
IV, Der Versuch der alten Damen
Die Meinungen der Bürgerinnen und Bürger Mikulovs, ob man der »blaublütigen« Seniorin zumindest die Familienbegräbnisstätte zurückgeben solle, ist ziemlich gespalten. Einige finden nichts dabei, solange es sich nur um die Krypta handle. Die ältere Dame, die den Eintritt und die Ausstellung am jüdischen Friedhof betreut und mir immer noch bewegt von der oben erwähnten Planierung ihrer Großelterngräber in den 70er-Jahren erzählte, fühlt sich mit Dietrichstein in diesem Punkt verbunden, findet es richtig, dass zwar nicht das Schloss, aber zumindest die letzte Ruhestätte in den Besitz der Familie zurückkehren sollte.
Andere sind gegen die Restitution, kritisieren, dass die Krypta nicht mehr zugänglich sei und dass die Stadt Millionen in die Restaurierung des Gebäudes investiert habe.
Ihr Hauptargument ist aber, dass die Restitution der Krypta als erster Schritt zur Rückgabe weiterer Objekte gesehen werden könne, dass die Dietrichsteins, Liechtensteins und andere dann mehr wollen, und noch mehr und noch mehr.
Unberechtigt ist die Sorge nicht. Zwar gab Mercedes Dietrichstein sich vernünftig, sagte 2009 in einem Interview mit dem Magazin ›iDNES‹, dass sie keinesfalls Besitz zurückfordert, der privatisiert wurde und den Menschen im guten Glauben erworben hätten. Sie ist mit ihren Forderungen aber nicht die einzige. Laut Radio.cz hat die Stiftung Fürst Liechtenstein insgesamt 26 Klagen bei tschechischen Bezirksgerichten eingereicht, wollten die Schlösser Valtice und Lednice zurück, wichtige touristische Ziele und Einnahmequellen im südmährischen Land. Die Familie Liechtenstein argumentiert, dass der Besitz keinen »deutschen« Adeligen gehörte, sondern dem Oberhaupt eines souveränen Staates.
Dass die Liechtensteins, die mit Tschechien nur noch wenig Verbindungen haben, ihre Schlösser zurückforderten, stößt nicht wirklich auf Gegenliebe. Manche Menschen in Tschechien argumentieren, dass es in ihren Augen einen großen Unterschied mache, was die Familien auf sich genommen haben. Sind die »Adeligen« entweder unter großen Schikanen in der ČSSR geblieben bzw. gleich nach der Wende in ihr Herkunftsland zurückgekehrt und haben sich der Herkulesaufgabe gestellt, ein durch vier Jahrzehnte kommunistischer Vernachlässigung in Mitleidenschaft gezogenes Objekt aufwändig wieder herzustellen? Oder handelt es sich um einen im Ausland lebenden Clan (oder Individuum), der Eigentum zurück fordert, in das der tschechische Staat inzwischen Millionen Kronen an Restaurierungs- und Erhaltungskosten gesteckt hat? Handelt es sich um Menschen, die sich aus dynastischem Pflichtbewusstsein in eine finanziell riskante Mammutaufgabe3 gestürzt haben, oder ultra-reiche Mitglieder des Hochadels, die ohnehin bereits ausgedehnte Ländereien, Schlösser und mehr besitzen? Mercedes Dietrichstein sagte selbst im ›iDNES‹-Interview, dass sie den Besitz nicht aus finanziellen Gründen restitiert wolle, sie und ihr Mann seien durch argentinische Besitzungen gut abgesichert.
Allerdings würden andere Nachkommen des »1945-er-Adels« diese von vielen Tschechen gestellten Anforderungen erfüllen. Mathilda Nostitz(ová) versuchte bis zu ihrem Tod 2021 vergeblich, aber mit großem Engagement, das mit jedem Jahr mehr und mehr verfallende Familienschloss Planá (Plan) nahe der westböhmischen Stadt Marienbad restituiert zu bekommen. Zwei Monate nach ihrer ersten Forderung verkaufte der Staat das Gebäude, das lange von den Truppen der Grenzwache benutzt wurde und dementsprechend in keinem guten Zustand war. Das Schloss wechselte mehrmals die Besitzer, niemand von ihnen begann je mit der Renovierung des angeschlagenen Anwesens, Planá verfiel mehr und mehr. In der mehrteiligen tschechischen Fernsehdokumentation »Modrá krev« (»Blaues Blut«) aus dem Jahr 2014 wird ein Kurzbesuch der alten Dame in ihrem ehemaligen Zuhause gefilmt, die Kamera bleibt drauf, als Nostitz nach wenigen Minuten, sichtlich überwältigt vom katastrophalen Zustand des Anwesens, den Rückzug antritt. Die in der Doku geäußerten Befürchtungen, dass es niemanden wundern würde, wenn ein Feuer ausbräche, sollten sich 2017 bewahrheiten. Inzwischen wurde das Schloss einmal mehr weiterverkauft, gröbere Renovierungsarbeiten dürfen auch im Jahr 2025 nicht passiert sein. Im Gegensatz zur bereits restaurierten und wohl umsorgten Mikulover Krypta hätte Schloss Planá möglicherweise davon profitiert, wenn man es der ursprünglichen Besitzerin retourniert hätte. Allerdings kann man wohl kaum Gesetze schreiben, laut denen man ein Anwesen nur dann restituiert bekommt, wenn man es nachweislich restaurieren und im Sinne des Denkmalschutzes erhalten kann. Zudem würde die Aufweichung der Enteignung im Sinne der Beneš -Dekrete bei manchen Tschechen ein Gefühl der Ungerechtigkeit auslösen, als würde man versuchen, den Nachkommen von Kollaborateuren entgegenzukommen. So oder so ist nicht jede Tschechin und jeder Tscheche mit dem Konzept der Restitutionen einverstanden, sei es aus kommunistischer Restüberzeugung oder aus anderen Motiven – der Disput hat inzwischen sogar Eingang in Literatur und Film gefunden.4 Andererseits finden die »adeligen« Familien (besonders die, die historische Gebäude in Museen, Hotels oder Eventlocations umwandelten und in Schlössern und in ihren Forstbetrieben neue Arbeitsplätze schafften) Anklang und Unterstützung ihrer ehemaligen »Untertanen«. Ein Land, in dem Tourismus eine wichtige Einnahmequelle ist, profitiert von steinernen Zeugnissen seiner Geschichte, davon, dass sie gut erhalten und idealerweise auch zumindest zum Teil zugänglich sind.
Den meisten Besuchern von Schloss Mikulov oder Lednice ist es vermutlich egal, ob die Baudenkmäler von öffentlicher oder privater Hand geführt werden. Hauptsache, man kann sie besichtigen und sie bleiben der Nachwelt erhalten.
1 Ich setze das Wort »adelig« bewusst in Anführungszeichen, weil ich das Konzept, manche Menschen seien von Geburt als »edler« als andere, sehr problematisch finde. Dennoch hege ich keine persönlichen Ressentiments gegen Mitglieder dieser Familien, und habe einige von ihnen im Rahmen meiner Recherche als genuin freundlich und hilfsbereit erlebt.
2 Man könnte auch argumentieren, dass es 3 1/2 Enteignungs-Wellen gab, galt die 1947 erlassene Lex Schwarzenberg allein dem Besitz von Adolph Schwarzenberg, einem tschechischen Staatsbürger, NS-Gegner und letztem legitimen Eigentümer der Schwarzenbergschen Primogeniturbesitzungen.
3 František Kinsky sagte über die Rückgabe des schwer heruntergekommenen Familienschlosses in Kostelec nad Orlicí, dass es zu Zeiten des Kommunismus als Forschungsanstalt für Schweinezucht diente: »Finanziell ist es ein Selbstmord. Die (investierten, Anm. der Autorin) Kronen kommen nie wieder zurück. Ich bin alt genug, um diesen Selbstmord zu riskieren. Die Folgen werden meine Söhne tragen, da werde ich schon weg sein.«
4 In den Komödie »Poslední aristokratka« (»Die letzte Aristokratin«), der Verfilmung eines Romans von Evžen Boček, wird die Restitution des fiktiven Schlosses Kostka an in NYC lebende Nachkommen enteigneter »Adeliger« thematisiert.
Rhea Krčmárová, Mai 2025
