Tex Rubinowitz
Das Rätsel der zwei Hausnummern
Gut, alles muss mal einen Anfang haben, ohne ein Ende haben zu müssen. Was mache ich hier eigentlich in Mikulov, was ist ein Schreibauftrag, was muss man da machen, was können, was bereits geleistet haben, sollte man etwas mitbringen? Müsste man wissen, wo oder was Mikulov ist, sich ein bisschen auskennen, oder ist sich etwas ahnungslos zu stellen eine gute Taktik, oder eine schlechte, und wenn man das schon thematisiert, seine eigene Ahnungslosigkeit, immunisiert man sich dann nicht, und zieht sich dadurch »aus der Affaire«?
Mein Anfang ist, dass ich meinem griechischen Retsina-Händler sagte, Kostas, so heißt er, ich werde jetzt länger nicht zu dir kommen können, ich habe eine Schreibaufenthalt in Mikulov, Kostas ist etwas harthörig, er hörte aus dem Ortsnamen etwas Griechisches heraus, Mykolos oder so, schonmal ein gutes Missverständnis als Startguthaben. Das andere immaterielle Guthaben ist meine Herkunft, das norddeutsche Lüneburg, eine Puppenstubenstadt, die am Tropf des Tourismus hängt, alleine nicht lebensfähig. Lüneburg produzierte neben Salz – das man in Form von Sole unter der Stadt fand, sie verkochte und die Stadt reich machte (nun ist die Sole aber schon lange versiegt) – auch Bier, bis die alles absorbierende holländische Krake Heineken alle kleinen Brauereien aufgefressen hatte, ein fantastisches Gebräu, das meiner unmaßgeblichen Meinung und vom Küssen und vielen Reden tauben Zunge nach zweifellos das beste Bier der Welt ist, weil es das bitterste (herbste) ist, es heißt Moravia, ich hab bis jetzt das Wort Moravia etymologisch nicht recht reflektiert, einordnen können, ich dachte immer, das sei ein Wort mit seinem schönen Schwung, es gibt einen italienischen Autor namens Alberto Moravia, von dem ich zwar noch nie etwas gelesen habe, aber denke, wer so heißt, kann nichts schlecht machen. Was sollte er mit dem mich initiierenden Bier meiner Heimat zu tun haben? Das fragt man sich nicht, und vor allem nicht, wenn man kotzend glaubt sterben zu müssen nach dem ersten Übermaß an Alkohol, wenn verblüffenderweise Worte, wie beispielsweise Moravia, zu Haushaltsgegenständen, Autoren und Biernamen werden.
Gut, jetzt in einer Weltgegend namens Mähren, die irgendwelche Geodäten vor ewigen Zeiten in Mähren und Böhmen unterteilt hatten, erspart uns die Details, es geht doch am Ende nur ums Bier, in Belgien haben nur die Flamen das bessere Bier, und die Wallonen, naja, müssen sich dafür von den Franzosen demütigen lassen. Man könnte ganz einfach googeln, nach topographischen Grenzziehungen, aber das ist langweilig, das kann jede Wasserleiche.
Ich gebe mich damit zufrieden, dass die Gegend, in der ich also bin, eben so heißt wie eine Schnittmenge aus einer griechischen Insel und einem bitteren Bier aus Lüneburg, auch aus Trotz, zumal die Gegend um Mikulov eine reine Weingegend ist, und tschechisches Bier generell verdammt kohlensäure- und ereignisarm schmeckt, wie Abwaschwasser, und hier ganz sicher Retsina komplett unbekannt ist, wenn nicht gar verachtet wird, ein griechisches Lokal in Mikulov wird es einfach nicht geben, wer wäre so grotesk, sowas zu eröffnen, bzw. könnte sich der Besitzer gleich einen Strick zur Eröffnung mitnehmen, und so wird es sein, wenn ich das Bier meiner Heimat importieren würde, das gute, bittere Moravia, da könnte ich ebenfalls den Strick mitbringen, und wir könnten uns synchron erhängen, der Grieche und ich, das würde ich dann gerne mal lesen, Grieche aus Mykonos und Lüneburger mit einer Moraviaflasche in der Hand, aufgehängt in einer gemeinsamen Schlinge.
Gut, jetzt ist man in Mähren, ein Gebiet, das man irgendwann eben nun mal Mähren/Moravia genannt hat, waren es die Römer, die Russen, man könnte das leicht googeln, einen KI-Holzweg betreten und sich ewig und drei Tage verzetteln, nach topographischen Wortstämmen suchen, verursacht vielleicht durch Erbfolgeverschiebungen, nicht wirklich zuende gedachten Eroberungsphantasien, also das könnte man alles rausfinden und kommt nicht zu einer schlüssigen Erklärung und bleibt die ahnungslose Wasserleiche mit allenfalls Achtelwissen, die man schon immer war und bleiben wird.
Ich gebe mich damit zufrieden, dass die Gegend, in der ich hier in Mikulov bin, nichts mit mir zu tun hat, oder allenfalls nur so tut, eine Schnittmenge aus griechischer Insel und einem Bier aus Lüneburg, aber das werfe ich den Mähren hier nicht vor, so undankbar kann ich gar nicht werden, sie werden nicht verstehen, weil es niemand versteht, das Logo von »Malamatina«, dem Retsina-Marktführer, ist ein auf dem Etikett abgebildetes Kleinkind, am Mund eine Flasche und im Bauch ein Schlüssel, als Digestif-Symbol.
Mikulov hat eine, nunja, leergefegte, aseptische, den Besuchern angepasste Kernzone, das Gewachsene wird zu einem gefälligen Angebot, in dem man ganz sicher keine Magengeschwüre bekommt, wofür man Retsina bräuchte. Um das Zentrum ist ein Schlafgürtel gewickelt, tagsüber kommen die Touristen, o-beinige Männer in Siebenachtelhosen und ferngesteuerte Frauen, generell tätowiert, ab 18 Uhr findet ein bemerkenswerter Bevölkerungsaustausch statt, die erschöpften Arbeiter aus den Schuhfabriken Zlins und den Schrauben-Sweatshops Breclavs geben sich die Klinke in die Hand mit den erschöpften und ratlosen Touristen, die dem Ort entdackeln, während die Autochthonen in ihre Schlafwaben diffundieren.
Das ist jetzt nichts Besonderes, das findet überall statt, in Hallstatt, in Venedig, in Disneyland.
Ich hab mich bei meinem Aufenthalt in Mikulov immer gefragt, was kann man hier machen, was kann man erfahren, hier steht alles still, wo könnte ich andocken, wo mich selbst finden, wie kann ich ankommen, früher hab ich in solchen Orten sogenannte Jugendlokale aufgesucht, in denen man über Musik, Ornamente und Verbrechen reden konnte, nicht mal mehr wissend, wann eigentlich »früher« war, wie weit das jetzt schon zurück liegt, ich bin verdammte VIERUNDSECHZIG Jahre alt, wem sollte ich, wenn es solche Lokale gäbe, irgendwas erzählen, unfassbar deprimierend, ich war mal in einem eher jugendlichen Laden (KUK-Bar), da lief Musik, klang wie ein instantisierter Spotify Verbrecherkanal, ich fragte die Kellnerin, ob sie mal »Treti Galaxie« eingeben könnte, weil ich weiß, dass das ein Riesenhit in Tschechien war, sie schaute mich an wie ein rostiger, ehemals blassgrüner Skoda, sie hatte das Lied, eher aus Mitleid mit diesem alten, gramgebeugten Mann, der ich bin, gespielt, sie musste Milch aufschäumen, wie ich vermute zum Zwecke der Ablehnung, um nicht mit mir reden zu müssen, denn ich hätte ihr erklärt, dass »Treti Galaxie« eigentlich ein italienisches Lied von Umberto Tozzi ist, und dass das das prägende Motiv des Soundtracks eines Horrorfilms namens »Hostel« ist, in dem Kinder zwei amerikanische Backpacker entführen, verstümmeln und töten.
Umberto Tozzi hat übrigens eine Dissertation über Alberto Moravia geschrieben, kann man alles nachlesen, aber leider auch niemandem erzählen, niemand glaubt es einem, weil niemand da ist, der es zu glauben bereit ist und dem man es erzählen könnte, weil man selbst zur Klinke geworden ist, die sich die Mikulov verlassenden Besucher den autochthonen Heimkehrern in die Hand drücken. Hier nimm die Klinke, aber zerknüll sie nicht.
Ich sehe jeden Tag in Mikulov einen ausgeleierten Mann, wenn ich ihn nicht sehe, muss ich so lange herumgehen, bis ich ihn sehe, das ist meine tägliche Aufgabe, wir grüßen uns ab Tag 11 meines Aufenthaltes, er trägt einen Hut, eine Sonnenbrille, eine Jeansjacke und eine Krücke, an dessen Handgriff in der Regel ein Einkaufsbeutel aus Plastik baumelt, er ist mein Anker, meine Tageskoordinate, wenn ich ihn nicht sehe, bin ich verloren, er ist ungefähr 84, ich bin 64, ich bin sein Quasisohn, ich stelle mir vor, dass er der geistige Sohn von Franz Kafka und Elvis Presley ist, die sich bekanntermaßen ja mal in Mikulov getroffen haben, auch das weiß wieder mal niemand, schon gar nicht »mein« Mann, der Song »You ain´t nothin´ but a Mistkäfer«, das ist er, sie haben den Song über ihn gemacht, dass er nichts darüber weiß, das ist traurig, aber ist nun mal so, das ist schlimm genug, man schämt sich dem freundlichen Mann zu begegnen und an einen Mistkäfer denken zu müssen, ihm nicht sagen zu können, was Kafka und Elvis aus ihm gemacht haben. Durch mich.
Ich hab ihn mal gefragt, warum manche, eigentlich viele Häuser in Mikulov zwei Hausnummern haben, eine niedrige blaue Nummer und eine sehr hohe rote Nummer, zum Teil im vierstelligen Bereich, warum stehen sie übereinander, er lächelte nur, wie soll ich das interpretieren, ich fragte nochmal, weil ich sein Lächeln nicht zu interpretieren vermochte, ich vermute das bedeutet, denk mal drüber nach, dann kommst du drauf, dass die eine Nummer die Häuser der Stadt bezeichnet, die andere nur die in der jeweiligen Straße, er hat ja recht, aber für mich behalten habe ich die Frage, ob es eigentlich möglich sei, dass die zwei Hausnummern eventuell irgendwo in Kongruenz kommen, könnte ja sein, oben steht eine 14 und unten auch eine 14, wenn ich darin aufgewachsen wäre, hätten meine Eltern immer gesagt, Lottogewinn, kein Wunder, dass aus dir nichts wird, ruh dich nicht auf zwei kongruenten Hausnummern aus, streng dich mal an, Zufall wird dir nicht geschenkt, den musst du dir erarbeiten, ich fragte den Mann, wie man sich Zufall erarbeiten kann, er grinste nur wie ein kopfloses Pferd, und schlug mir mit der Faust auf die Nase.
Und ich verstand. Ich blutete für Zwei.
Tex Rubinowitz, September 2025
