Stephan Eibel
mutti
die umstände, die umstände
und sie bauen unterstände
höhlen die gehirne aus maus
und rufen: gusch!
mutti
viele wissen, wohin das führt
ein führerpolterkult
wollen es aber nicht wahrhaben
verdammt noch mal!
26. februar 2023
und wenn es genug
geregnet hat
dann hört es wieder auf
hör ich meine mutti
singen - als vierjärhiger
hab ich gefragt:
wann ist das?
und sie fing von
vorn zu singen an
und ich fragte
wieder und wieder
wann ist das?
patschnass hör ich sie heut
mittag in paliano und seh
sie die wäsche falten
Gedichte aus: »sternderln schaun« (Limbus Lyrik, 2024)
July 77 Cilento
Arno und Matschi Schneitter liegen am Sandstrand im Schatten des Sonnenschirms. Während Arno hin und wieder sein Buch „Herrenjahre“ auf seinen Bauch legt, um den Italienern und Italienerinnen zuzusehen, wie sie im Meer stehen und palavern, liest Matschi seit zwei Stunden ohne aufzuschauen, Franz Innerhofers „Schöne Tage“. Für Arno ist es ein Buch, in dem jede Zeile eine einzige Katastrophe ist. Noch nie hat er ein Buch so schnell gelesen, um es gelesen zu haben.
„Herrenjahre“ und „Schöne Tage“. Er entschied sich für „Schöne Tage“. Was sich im Nachhinein als richtige Wahl herausgestellt hat. Nie würde er sonst „Herrenjahre“ mit zwei, drei Katastrophen pro Seite gerne lesen. Wie grauslich die Leute in Wolfgrubers Roman auch sind, es gibt für den Bub eine Chance aufzusteigen. Und noch etwas unterscheidet die Bücher. In „Schöne Tage“ herrscht das Plumpsklo, im Gegensatz zum Wasserklo in „Herrenjahre“.
Matschi möchte „Schöne Tage“ mit der 3/1 (3Klasse Hauptschule 1.Klassenzug) lesen, um ihren Schülerinnen das Gymnasium schmackhaft zu machen. Nach dem Motto, wenn du aus deinem Gefängnis, dein Milieu verlassen willst, dann lerne. Die meisten Eltern, die Matschi in der Siedlung kennen gelernt hat glauben, Mädchen sollen eine Haushaltsschule besuchen oder eine Verkäuferinnen- oder Friseurinnenlehre absolvieren, um danach zu heiraten. An eine Wissenschaftskarriere eines Mädchens denkt hier niemand. Und geht ein Mädchen oder ein Bub von der Siedlung in das Gymnasium, werden sie schief angesehen. Gymnasiasten haben einen schlechten Ruf. Sie gelten als hochnässig, besserwisserisch, verweichlicht. Aber das war in Brixlegg auch so.
Arno lacht über die zwei Engländer, vier Sonnenschirme weiter. Gestern wollte sie seinen Rücken nicht einschmieren, heute verweigert er. Sie führen sich auf wie Junge, dabei dürften sie um die 80ig sein. Wenn sie in der Früh zum Strand kommen, gehen sie schnurstracks in das Meer. Sie schwimmen sicher eine Stunde. Und wenn sie rauskommen, laufen sie den Strand entlang.
„Kaunst net aufpassn, Depperta“
„Holt die Pappn, Gschissener“
Arno schmunzelt, wundert sich, dass nicht einmal die beiden Wiener, die knapp an Matschis Sonnerschirm vorbeigehen und wienern, sie dazu bringen, aufzuschauen. Dabei liebt sie alles wienerische, würde am liebsten in Wien leben, allein schon wegen des Tirolerhofs. Nach wie vor hält Matschis Daumen und Zeigefinger die untere Ecke der Seite, um schnell umblättern zu können. Er kann sich nicht erinnern, wegen eines Buches nichts anderes mit bekommen zu haben. Dabei spielt es sich ab. Bälle fliegen vorbei, Kleinkinder schreien, und die Engländer sind nicht zu überhören.
Er mustert Matschi von oben nach unten. Sie ist ein bisschen rundlicher geworden, was ihr sehr gut steht. Er kann sich alle zehn Finger abschlecken, sie bekommen zu haben. Obwohl es mit ihr nicht immer einfach ist. So hat er lange auf sie einreden müssen, damit sie ihre Ablehnung gegen die Inbetriebnahme des Atomkraftwerkes Zwentendorf nicht öffentlich macht. Auch nicht im Lehrerzimmer.
Der Betriebsratsobmann hat Arno schon gefragt: „Ob er seine Frau nicht im Griff hätte“. Arno wusste sofort, wie viel es geschlagen hat. Davon sagte er Matschi nichts, weil sie den Polterer, wie sie ihn nennt, nicht leiden kann. Aber leiden können hin oder her, Tatsache ist, ohne seine Unterstützung wird er nicht Chef der Ingenieure. Vor einem Monat hat er als Zentralbetriebsrat in Linz auf den Putz „ghaut“, weil das Krumpentalprojekt noch immer nicht genehmigt wurde. „Wollt ihr uns fertig machen?“ hat er den Vorstandsdirektor gefragt und noch einige Sprüche sollen gefallen sein. Jedenfalls mit Erfolg. Ab Herbst wird gebaut.
Und Pfeife hat ihm noch hustend gesagt: „Höchste Zeit, weil ich mach es nicht mehr lang.“ Zur Zeit schaut es für Arno gut aus, Pfeife zu beerben. Wenn der Bau zügig vorangeht und die ersten Kostenreduzierungen in der Bilanz zu sehen sind, dann hat er wirklich große Chancen. Da kann Ing. Pobitschko so hoch springen wie er will. Sogar beim Landeshauptmann soll Pobitschko gewesen sein, um Chef der Ingenieure zu werden.
Wieder mustert Arno Matschi. Er möchte am liebsten mit ihr zur Messe. Aber das geht nicht. Nicht nur, weil sie liest, sondern weil es 11 Uhr ist und die neapolitanische Großfamilie um 12 zum Aperitif kommt. Sie sind ganz vernarrt in Matschi, weil sie italienisch spricht. Jeden Tag versichern sie ihr, dass ihr Italienisch schon wieder besser geworden ist.
Das ist für Matschi eine nette Übertreibung. Ihre Italienischkenntnisse hat sie aus Udine, das sie mit ihren Eltern jeden Sonntag Nachmittag besucht hat. Einige ausgefallene Wörter wie beispielsweise „Grembiuli colorati“ hat Matschi aufgeschnappt und deshalb meinen ihre Nachbarn aus Neapel sie verstünde alles.
Fest steht, dass Arno weder in Zirl, noch in Brixlegg oder Ehern eine so warmherzige Familie kennen gelernt hat. Und auch Elias und Gabi genießen es bis spät in die Nacht mit den neapolitanischen Kindern Tischfußball oder verstecken zu spielen.
Er stellt sich vor wie irre das ist, von seinem Vater als kleine Kinder gezwungen zu werden, nach dem sonntäglichen Mittagesssen das „Andreas Hoferlied“ zu singen und danach
Richtung Italien zu spucken. Aber auch seines Vaters Hass gegen Italien brachte etwas Gutes hervor. Nämlich seinen Vornamen. Der Arno ist nämlich für seinen Vater der Grenzfluss zu Italien.
Als er Matschi kennen gelernt hatte, verriet er nichts von seinem Misstrauen gegenüber Italienern, auch nicht als sie das erste Mal im Espresso in der Bennogasse tanzten und Matschi von Venedig schwärmte, einen Kuss am Liebesbalkon in Verona versprach, ihm ins Ohr flüsterte jederzeit mit ihm in die Toskana durch zu brennen.
Nach seinem Ausflug in die Vergangenheit schaut Arno Matschi an, lacht, weil sie ihn damals nach Strich und Faden gepflanzt hatte. Sie hat an seiner verhaltenen Reaktion über die Südtirolbumser schon gemerkt, dass er Probleme mit Italien hat. Er ist so froh über den frischen Wind, den Matschi in seinem Kopf brachte, um Dummheiten zu verblasen.
Das Glück hat er dem Alkohol zu verdanken, denn ohne die Sucht von Matschis Vater, hätte er sie nie kennen gelernt. Sie hätten keine Kinder und Arno würde nicht in Italien urlauben.
Nie hätte er das Dorf auf dem Berg kennen gelernt, das hinter einer vor mehreren Jahrhunderten erbauten Steinmauer liegt.
Er wäre nie durch die schmalen Gassen gegangen, wo der Putz abfällt, die Häuser verwittert und mit Holz abgestützte kleine Balkönchen und kleine Aufbauten eine Lebenspraxis zeigen, von der Arno begeistert ist. Als sie noch tiefer in das Dorf gingen, sahen sie Tische und Stühle im gedämpften Licht. Matschi war sofort der umschwärmte Liebling des Wirtes, weil sie für alle auf italienisch bestellte. Der Wirt namens Mario verkaufte auch so nebenbei Kassettenrekorder. Immer wenn ein Kunde kam, drückte er die Playtaste: „Una mattina mi son svegliato, o bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao! Una mattina mi son svegliato,e ho trovato l’invasor ...“.
Während des Essens zählte Arno die Käufer. Als er die Pizza weggeputzt hatte, waren es zehn. Arno stand auf, kam mit zwei Philips Kassettenrekordern zurück. Beide für ca. 150 Schilling. Matschi lachte, weil sie wusste, dass er gern Ramsch kauft. Hauptsache billig. Aber halt: Diesmal nicht.
Der Kassettenrekorder ist von Philips und ein absolutes Qualitätsprodukt. Einen übergab er Elias und einen Gabi, die rot wurde und besonders laut Grazie sagte. Pronto, antwortete Arno. Elias wusste sofort, wem Gabi ihren Kassettenrekorder geben wird, verriet es nicht. Matschi wusste es auch, schwieg zwar, sah aber Gabi so an, dass Gabi wusste, ihre Mama weiß wem. Arno und Matschi haben sich vorgenommen, ihre Kinder darauf vorzubereiten, in die Stadt zu ziehen. Matschi befürchtet, Gabi und Elias könnten kriminell werden und Arno hatte genug von der Siedlung.
Der Wirt Mario fragte, ob ihnen die Pizza geschmeckt habe und Matschi antwortete: „la migliore pizza del mondo“, wobei Elias, Gabi und Arno das nicht sagen konnten, weil ihnen der Vergleich fehlte. Es war die erste Pizza in ihrem Leben.
Matschi: „Prego, Gelato misto alla panna per tutti“. Der Wirt strahlte, schmauchte „Bella“ und dampfte ab. Arno wiederholte Bella Bella. Elias und Gabi setzten ihrem Papa den Floh in sein Ohr, dass Matschi mit dem Wirten durchbrennen will. Dazu passend drückte der Wirt schon wieder im Inneren des Restaurants auf die Playtaste. Matschi sang die erste Zeile mit. „Una mattina mi son svegliato, o bella, ciao! bella, ciao! bella, ciao, ciao, ciao!“
Arno öffnet seine Augen, hat seine Erinnerung verlassen, nimmt „Herrenjahre“ von seinem Bauch, steht auf, legt es auf die Liege, streichelt Matschis Hand, sie schaut ihn an, er: „Ferrari“. Sie: „Gut. Kauf gleich zwei!“ Kaum ist er ein paar Meter von Matschi entfernt, ist sie wieder in „Schöne Tage“ versunken.
Er geht hinauf zu den Pinien und den dickstämmigen Palmen, wo Elias und Gabi im Swimmingpool mit den neapolitanischen Kindern mit dem Wasserball spielen. Er ruft ihnen zu, dass er Sekt kaufen gehe. Sie deuten ihm, näher zu kommen, weil sie nichts verstünden. Arno geht näher und sie spritzen ihn an, er spielt den Überraschten. Und alles sieht die ganz dünne Katze, die hinter einer Pinie hervorschaut. Die Kinder haben sie am ersten Tag im Blumenbeet auf der Veranda entdeckt. Sofort kauften sie Entlausungs- und Entwurmungsmittel, fütterten sie. Heute morgens verdrückte sie auf einen Sitz, zwei Dosen Katzenfutter. Und noch etwas.
Sie begleitete die Kinder schon in der Früh. Ein bisschen verhält sie sich wie ein Hund.
Die Kirchenglocke schlägt einmal. Arno darf nicht zu sehr trödeln, will aber noch bei der Kirche vorbeischauen, um zu erfahren, wann die nächste Messe gelesen wird. Matschi erklärte schon am ersten Tag ihres Urlaubs, dass sie öfter mit Arno in die Messe gehen will. Sie erklärte ihm, dass ihre Lust, seit Elias in die Hauptschule geht, langsam zurückkehrt. Auch bei Arno hat sich was geändert. Er braucht nur an einer Kirche vorbeizugehen, schon spürt er seine Carotta.
So, wie damals als er aus Brixlegg kommend am Westbahnhof ankam, wo Matschi mit ihm mit der Straßenbahn Richtung Augustinerkirche fuhr. Am Weg dorthin sah er viele Kirchen und spürte bei jeder seine Karotte. Nach der Messe fuhren sie mit dem 38iger nach Grinzing, gingen in die Weinberge, breiteten die rote Decke aus und schwupps di wupp waren sie schon nackt und Matschi bat, ihr den Teufel auszutreiben. Als Arno liest, wann die nächsten Messen sind, spürt er seine Carotta, die er nach oben richtet, als wäre sie ein Fingerzeig
Gottes. Bon Giorno, ruft der Pater und schaut auf seine Hose. Arno ist das peinlich.
Textauszug aus: »Die ersten Jahre in Ehern«
© Stephan Eibel
