Claudia Endrich
There is more
Schwäbischer Literaturpreis 2023, 1. Platz
Beep. Beep. Beep. Mein Handscanner beept. Er ist mein Metronom, mein Pacemaker, mein Kommandant. Schneller, beept er. Die Kunden warten. Prime heißt zuerst. Erstklassig. Es heißt vor allem: sofort. Ich gehe nicht gern während der Schicht aufs Klo. Das verhaut mir den Schnitt. Am schlimmsten ist es, wenn ich meine Tage habe. Beep. Beepbeepbeepbeep. Die Ware kommt auf gelben Staplern. Campingstühle. Computertastaturen. Rucksäcke. Kinderspielzeug. Ein Backblech. Zwei Kuchenformen aus Silikon, herzförmig. Ein klobiges Ding, da steht „Zorb Water Ball“ drauf. Ich packe alles in Kartons, meine Tape-Maschine macht blau-schwarze Schutzzonen um die Kartons. Ratsch-ratsch. Ratsch-ratsch.
Duht, duht, duuht, das ist nicht mein Handscanner. Das ist Milan. Ich weiß, sein Stapler kann nicht anders klingen als die der anderen. Aber ich höre es. Die anderen machen dut, dut, dut, oder nät, nät, nät, aber er, das ist anders. Ruhiger. Sanfter. Als hätte er Angst, mich zu erschrecken, als wollte er so vorsichtig an mich heranfahren, dass er mir mit dem Arm des Staplers auf die Schulter tippen könnte. Ich mache ratsch-ratsch-ratsch und tue so, als hätte ich nicht schon längst bemerkt, dass er hinter mir ist. Dass er es ist mit seinem schönen, tiefen duuht, nicht einer von den dutdutudut-Grobianen.
Milan arbeitet seit zwei Jahren hier. Ich seit zwei Monaten.
Nur übergangsweise, habe ich gesagt.
Aha, hat er gesagt. Dachte ich auch.
Und danach?, hat er nicht gefragt. Zum Glück.
Das duht, duht hat aufgehört. Ich drehe mich um, weil seine Anwesenheit spüre ich trotzdem. Er sitzt im Fahrersitz, die Arme vor der Brust gekreuzt, die Finger unter den Ellbogen eingeklemmt. Sitzt und schaut mich an, einfach so, als ob es keine Handscanner gäbe, keine Beepgeräusche, kein Prime. Auf seinem grauen T-Shirt steht Prime. Auf meinem ist nur dieser Pfeil.
Ist dir schon mal aufgefallen, dass der Pfeil vom A zum Z zeigt?, hat er letzte Woche gesagt. War es mir nicht.
Wann ist dir das aufgefallen?
Heute.
Und dann hat er es mir gleich gesagt. Was, wenn ich gesagt hätte: Ja, logisch, sieht doch jeder. – ? Milan ist nichts peinlich.
Er hilft mir, die Sachen vom Stapler zu nehmen und die fertigen Pakete aufzuladen. Ich muss aufpassen. Jeden Moment könnte es passieren, dass ich mit meiner Hand über seinen Oberarm streiche. Ihm den Arm um die Hüfte lege, nur kurz. Oder die Haare, die ihm in die Augen fallen, zur Seite schiebe. So gut kennen wir uns gar nicht. Aber ich glaube, er wäre nicht überrascht. Er fände es ganz normal. Irgendwie bin ich da sogar sicher. Der Impuls ist so stark, ich streichle stattdessen das Paket, das ich gerade auf den Stapler gelegt habe. Reibe meine Handfläche an meinem Oberschenkel. Schiebe meine eigenen Haare zurück. Er macht einen kleinen Scherz. Nichts besonderes, wirklich. Ich lache, will laut lachen, kichere von der Nase bis in den Bauch hinein und gebe ihm im Vorbeigehen mit meiner Schulter einen kleinen Rempler. Meine Schulter will da gar nicht wieder weg, von seinem Rücken, von seinem Schulterblatt.
Er ist dürr. Er hat so Arbeitsmuskeln, nichts aus dem Fitnessstudio, keine besonders definierte Brust oder wie das heißt, sondern so eine Hühnerbrust unter dem grauen Polo, aber seine Arme, seine Schultern, sein Rücken, die sind es gewohnt, acht, neun, zehn Stunden am Tag zu leisten.
Geh nicht, sagt meine Schulter, da schwingt seine Schulter ihn schon wieder auf den Stapler. Er winkt, ich auch. Ich weiß seinen Nachnamen gar nicht. Er fährt nicht weg. Es gibt kein duuht, dafür piepsen unsere Handscanner jetzt im selben Takt.
Beepbeep – Beepbeep. Er drückt auf alle Knöpfe. Hebt ratlos die fleißigen Schultern.
Kaputt?, frage ich. So eine dumme Frage. Kann ein Stapler einfach so kaputt gehen?
Vielleicht, sagt Milan.
Der Chef kommt. Während ich die neuen Sachen in Kartons packe, wandert mein rechtes Auge immer wieder zum Stapler. Der Chef drückt die gleichen Knöpfe wie Milan. Und nochmal. Nichts. Er sagt zu Milan, er soll die Knöpfe drücken. Der sagt nichts, macht einfach, jetzt weiß sogar ich schon, dass da nichts passiert. Ratschratsch-ratsch. Jetzt ein kleines Paket. Drei Blu-Rays. Wer schaut heute noch Blu-Rays? Ratsch. Vier Kochbücher. Ratsch-ratsch. Kopfhörer, die guten, und ein iPhone-Case mit Eulen drauf. Igitt. Ratsch. Ratsch.
Milan wartet. Der Chef ist gegangen. Ich schicke ihm ein Grinsen rüber, so mit einem Mundwinkel, sage Blää, ohne was zu sagen. Er schiebt ein Wort im Mund herum, vielleicht sogar einen ganzen Satz, es scheint gut zu schmecken, er lässt den Satz drin, er mag den Satz. Ich will wissen, was es ist.
Der Chef kommt wieder.
Ratsch-ratsch.
Mach Pause, Milan. Der Techniker kommt gleich.
Ratsch. Seitenblick. Ratsch. Seitenblick. Blick. Der Satz von vorher ist weg. Dafür sagt Milan: Gehst du mit? Der Chef schaut schon wieder ins Tablet und ist weg. Mein Handscanner sagt, dass ich schon fünf Stunden und zweiundvierzig Minuten durcharbeite. Ich drücke drauf. Pausenbeep.
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© Claudia Endrich
Der gesamte Text ist in der Anthologie »gestern morgen. Literaturpreis des Bezirks Schwaben 2023« (Wißner Verlag, 2023) zu finden.
© Claudia Endrich
