Katharina J. Ferner

Fernpost aus Paliano


Nun also in der italienischen Hitze, wo der Tag zwischen Früchten, kalten Duschen und Siesta zu verschwimmen droht, wären da nicht die kühlen Morgenstunden auf der Terrasse, der Eidechsenspielplatz im Hinterhof. Ansonsten zählt einzig eine orange Katze zu meiner Gesellschaft, sie gähnt mir zu. Wenn ich ihr Gedichte vorlese, legt sie sich manchmal auf meinen Schoß. Ich setze meine Tigersonnenbrille auf, wir sind ein tolles Team, die Katze und ich, wir könnten Youtubestars werden, ob ich dabei Gedichte lese oder nicht, macht dafür keinen Unterschied, Tiere stehlen einem immer die Show. Ich behalte die Katze als natürlichen Fressfeind diversen Getiers, behalte die Spinnen, lasse sie die Fenster zuweben, das organische Fliegennetz spannt sich bald über die grünen Fensterläden.

Das Ticken der Uhr, die unruhigen Schwalben, der rauschende Pinienwald, nichts hält mich abends wach, die Tage haben Gewicht, die Seiten wachsen. Wenn ich aufstehe, versuche ich zuerst Mobilnetz zu finden, um irgendwie festzumachen, wie abgeschnitten ich bin von der Welt. Das Fiebermessen an der Grenze kommt mir bereits wie ein Traum vor, der vor langer Zeit ausgeträumt wurde, aber wenn die Verbindung klappt und ich eine Zeitungsseite laden kann, erinnere ich mich, dass alles erst wenige Tage her ist, dass ich irgendwann zurückmuss, dass die Einreise schnell kompliziert werden kann. Ich schaue auf die Landstraße, die italienischen Berge, die Stadt in 90 Minuten Fußmarschferne, ein Weg, der mir noch bevorsteht.

Um zehn Uhr Vormittag esse ich meine erste Pasta, ich habe mich angepasst, obwohl ich nach wie vor kaum jemanden sehe, manchmal der Nachbar ein Buongiorno in den Wind ruft, vorbeijoggende Hundebesitzerinnen mir zuwinken oder der Bauer auf seinem Traktor vorbei tuckert. Die Heuballen sind gerollt, zieren den Fensterausblick. Ich beschalle die Spinnen mit meiner Discoplaylist, Golden Earring – Radar Love, die Windstärke nimmt heuballenbedrohliche Ausmaße an. Ich erforsche die Umgebung bei einem kurzen Mittagsspaziergang, zugegeben ein anderer Zeitpunkt wäre klüger gewesen, aber wann hat man hier schon mal die Gelegenheit auf ein bisschen Schatten, aufziehende Regenwolken, ein Hoffnungsschimmer am Gewitterhimmel.

Zurück im casa. Ich sammle die Tiere ein und schließe die Fenster. 


Erschienen in: »&Radieschen  #55«, katzen und videos