Gábor Fónyad

Sono scrittore. Auf der Reise nach Paliano, irgendwo in der Toskana (Oktober 2012)


Ab wann darf man sich selbst Schriftsteller nennen? Das heißt: Ab dem wievielten Buch, ab dem wievielten Preis, ab welcher Gesamtsumme erworbener Stipendien, ab der wievielten Lesung mit Honorar ist man dazu berechtigt? Muss man, um diesen Titel für sich beanspruchen zu dürfen, davon leben können? Oder anders herum: Darf man sich ausschließlich dann, wenn man keine anderen Einkünfte hat, als professioneller Schreiber bezeichnen – unabhängig von Verkaufszahlen und Bekanntheitsgrad? Vielleicht kann man aber auch nur von anderen als Schriftsteller bezeichnet werden – womöglich gar erst posthum – und Überlegungen dieser Art erübrigen sich.

Bis jetzt habe ich mich ein einziges Mal jemandem als Schriftsteller vorgestellt. Das war im schönsten Herbst meines Lebens (im wörtlichen, ganz prosaischen und nicht metaphorischen Sinn), als ich im Jahr 2012 unterwegs war in das Schreibhäuschen Casa Litterarum in Paliano. Ich war lange Autofahrten nicht gewohnt und so traute ich mir die Fahrt von Wien bis ins Latium nicht in einem zu, weshalb ich das von meiner Mutter geliehene Stadtauto nach vielen Stunden Fahrt auf einem Gehöft mitten in der Toskana parkte, wo ich im Internet eine Übernachtung gebucht hatte.
Beim Beziehen des Zimmers und einem Smalltalk, der mangels einer gemeinsamen Sprache ausgesprochen rudimentär ausfiel, versuchte ich, in Vorfreude auf das Frühstück und mithilfe meines Wörterbuchs, das ich inzwischen aus dem Rucksack gefischt hatte, anzudeuten, dass ich Vegetarier sei (»sono vegetariano«), aber nicht vegan (»ma non vegano«). Also wären Eier und Mozzarella (»mozzarella!«) kein Problem, auch gegen gebratene Champignons hätte ich nichts einzuwenden (»e si possibile: funghi!«). Die beiden schauten mich verständnislos an und erklärten mir irgendetwas, doch erst am nächsten Morgen sollte ich herausfinden, was sie mir wohl zu sagen versucht hatten: Das Frühstück bestand aus einem Espresso und zwei dünnen Scheiben eines kuchenartigen Gebäcks mit ein bisschen Butter und Marmelade. Damals wusste ich noch nicht, dass man in Italien nicht frühstückt.

Dann kamen wir doch, sozusagen, ein wenig ins Gespräch. Ich lobte, mehr nonverbal als verbal, den Kaffee, und die beiden wollten nun wissen, was mich hierhergeführt habe. Immerhin war ich nicht nur außerhalb der Saison unterwegs, sondern auch noch alleine.

Ja, was hatte mich hergeführt? Einige Tage zuvor war mein Vertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität ausgelaufen. Das Aufenthaltsstipendium in Paliano kam mir also mehr als gelegen, zumal ich gerade die Arbeit an meinem ersten Roman aufgenommen hatte – und ursprünglich gedacht hatte, während meines Aufenthalts zu einem Abschluss zu gelangen. Dass ich im sonnigen latinischen Herbst mehr streichen als schreiben würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt (zum Glück) noch nicht. So aber stand mir ein Monat Schreiben bevor, befreit von sämtlichen beruflichen Verpflichtungen und auch der bürgerlichen Zumutung der nächsten Gehaltszahlung. Nur ich und mein Laptop und ein langsam, aber unaufhaltsam sinkender Kontostand. Was ich danach, nach Ablauf dieses Monats, zurück im nebligen Wien mit immer kürzeren Tagen anfangen würde, wusste ich da noch nicht, besser gesagt, ich schaffte es erfolgreich, sämtliche die Inspiration störende Gedanken bezüglich meiner Zukunft zu verdrängen und mir nicht einzugestehen, dass ich nur eine Galgenfrist bekommen hatte, ehe ich in den Stand des Arbeitsmarktservicekunden trat. Noch vor meiner Abfahrt hatte ich mir mehrere Optionen zurechtgelegt, in erster Linie, um mir selbst gut zuzureden: Ich könnte Lektor und Korrektor werden und außerdem Übersetzer; ich könnte auch wieder an der Universität anheuern und um irgendeinen unterbezahlten Ein-Jahres-Vertrag betteln; womöglich aber wartete auch in den Tiefen der Stellenausschreibungen der Traumberuf auf mich, von dem ich nur noch nichts wusste; oder aber ich würde in Italien den ganz großen literarischen Wurf hinlegen, sodass ich von allen weltlichen Sorgen befreit sein würde und mich nur noch bis zur Verleihung des Nobelpreises im nächsten Herbst über Wasser halten müsste.

Das alte Ehepaar schaute mich noch immer fragend an. Wie sollte ich ihnen all das klarmachen, noch dazu auf Italienisch, wenn es mir schon in meiner eigenen abstrakten Gedankensprache nicht gelang? Und so kam es, dass ich mich zum ersten – und bis jetzt letzten – Mal selber als Schriftsteller bezeichnete. Dafür reichte mein Wortschatz gerade aus: »Sono scrittore«, hörte ich mich sagen. Und das war nicht einmal ganz falsch, denn zu diesem Zeitpunkt war ich tatsächlich ausschließlich als Schreibender in Italien unterwegs. Das war der einzige Grund, weshalb ich in ihrer Pension war. Ich hätte auch sagen können, ich bin seit ein paar Tagen arbeitslos, nachdem ich drei Jahre lang eine vom Aussterben bedrohte Sprache in Sibirien untersucht habe – das mit dem Ungarischen verwandte Mansisch –, und jetzt weiß ich, um ehrlich zu sein, nicht, wie es weitergeht, es wird sich schon etwas finden, oder auch nicht, in der Zwischenzeit jedenfalls hänge ich in Italien ab, in einem Häuschen, das die Österreichische Gesellschaft für Literatur zur Verfügung stellt. Nein – die Scrittore-Antwort war in dieser Situation schon die richtige. Ich gebe zu, es hatte auch etwas Verwegenes, an einem wunderschönen Herbstmorgen in einem jahrhundertealten Landhaus, wie aus einem Film von Visconti, eingebettet in eine sanft-hügelige Landschaft mit hohen Zypressen und sich mäandernden Straßen, einen dunkelschwarzen Espresso zu trinken, den kleinen Finger aristokratisch wegzustrecken und dabei die so wohlklingenden, alliterierenden Worte »Sono scrittore« zu sprechen. Ein vollständiger Satz, grammatikalisch einwandfrei, das Verb in der ersten Person Singular, das Personalpronomen kann im Italienischen ja wegfallen, da es eine Pro-drop-Sprache ist – wie übrigens das Mansische und die meisten finnisch-ugrischen Sprachen auch –, und dazu das aus dem Lateinischen entlehnte Nomen, das wiederum vom lateinischen Verb »scribo – scribere – scriptum« (»schreiben«) abgeleitet worden ist.

Die beiden lächelten und nickten, wohl in der Bedeutung von »Aha, schau an, allerhand, toi toi toi, wir halten die Daumen«. Ob sie mich tatsächlich für einen Autor hielten oder doch für einen Scharlatan, kann ich auch jetzt, fast zehn Jahre, zweieinhalb Romane und zwei Kinder später, nicht sagen.

Erschienen in: »In guter literarischer Gesellschaft. 60 Jahre Österreichische Gesellschaft für Literatur« (Edition Atelier, 2024) 

„Gib doch endlich den Photoapparat weg und versuche zu schauen!"

Hat mich die alte Verkäuferin auf
dem Wochenmarkt vorhin wirklich betrogen und mir ein paar faule Erdäpfel statt dem frischen Gemüse
ins Sackerl gegeben und dann auch noch zuviel verrechnet?

Sitze hier im latinischen Herbst und träume von einem englischen Garten.

(Olevano Romano) Nach der Mittagspause, um 5. Der noch verschlafene Caféinhaber grüßt, gähnend und sich streckend, seine Gäste mit „Buena sera“.

(Genazzano – oder auch jeder andere Ort hier) Die Bilder des Kreuzganges in den Kirchen ohne jeden künstlerischen Anspruch. Die Absicht nur die, den „Inhalt“ möglichst getreu (unverfälscht) „abzubilden“.