Gertrude Maria Grossegger
Aus dem Roman »Wie Pinien«:
Ruhe
Der sanfte Weitblick, unendliche Stille verbreitend, wird kaum unterbrochen, einfach wird seine Bedürfnisliste, die Landschaft überträgt sich auf seine Stimmung, er lebt vom großzügigen Raum der neuen Umgebung und der Ruhe, die darin Platz nimmt, fühlt sich als Teil von ihr, gehört dazu, ist ein Bündel, ein zur Ruhe gekommenes lebendiges Bündel, das sich allmählich beginnt aufzuschnüren, ihn darauf vorbereitend, sein Inneres hervorzuholen. Er nimmt sich täglich etwas vor, macht sich einen Plan, setzt feste Zeichen für den Tag, formuliert morgens Absichten, bettet sich gedanklich in die Landschaft ein, fühlt sich gleich den Heuballen, die ihm, wie willkürlich verstreut auf den blassockergelben Feldern, Zusammenklang vermitteln, gepresste Stille, Heuballenstille, eingewickelt in Wartehaltung, abwartend, nichts erwartend, die ihn wie goldene Kugeln einladen, sie anzustupsen, sie den Hügel hinunterrollen zu lassen, sie wieder und wieder hinaufzurollen, und das so, wie Camus es seinem Sisyphos zuschreibt, als glücklicher Mensch. Sie mögen bleiben, hofft er, und solange bleiben, bis er wieder wegfährt, er möchte sich in sie hineinrollen und in die Ruhe der wenigen Aktivitäten auf den Feldern, er möchte sich hineinrollen, in seine Bleibe hinein, mit dem Haus eins werden, mit den halbrunden Dachziegeln, die ihm Wärme vermitteln, mit den Wänden, rote Ziegelfarbe oben, unten Stein, die ihm Schutz versprechen, mit den großen Fenstern, die die Landschaft ins Zimmer holen, täglich ein anderes Gemälde, mit dem mächtigen Holztor, das er morgens öffnet und dessen Öffnen, wie auf Kommando Geckos vom Himmel regnen lässt, die ihn jedes Mal zu Tode erschrecken, die ihn und den neuen Morgen auf ungewöhnliche Weise begrüßen, keck und schelmisch, noch nie auf ihm und stets zu seinen Füßen gelandet, wieder davonhuschen, in ein Versteck, in eine Ritze, unter einen Stein, wie seine Ängste, die morgens, davongehuscht und wie vom Erdboden verschluckt, wieder hervorkommen, sobald er das Tor abends wieder schließt. Der Himmel verändert sich laufend, manchmal rasend, manchmal bedächtig, aber stetig, die Farben der Hügel changieren, die Formen scheinen beständig, scheinen, sich keinem Wandel zu unterziehen, erst mit der Zeit nimmt er wahr, dass die Hügel, je nach Licht, eine andere Gestalt annehmen, je nach Tageszeit, einmal höher, einmal flacher wirken, einmal den Rücken eines mächtigen Tieres andeutend, die als rätselhafte Hügelwesen einmal wie weichgewellt dastehen, ein anderes Mal wie ein Krustentier, immer aber wie ein Tier, immer lebendiges, geheimnisvolles Sein vermittelnd, immer in Bereitschaft, immer auf der Lauer, immer am Hören, und immer in Bewegung, in sich selbst in Bewegung, aus einer ungebändigten Unruhe heraus Ruhe vortäuschend.
Natur
Zufriedenes Sein im Dasein, das Einzige, was er sich wünscht, könnte ihm hier gelingen, ansatzweise, denkt er, übersieht absichtlich vermeintlich Hässliches, übersieht, wie Wirklichkeit in Wirklichkeit sonst immer für ihn erscheint, überhört Störgeräusche, beobachtet und staunt, wie Natur um ihn herum werkt, einmal Harmonie vermittelnd, dann wieder aufbrausend. Er schreibt alles nieder, was er bemerkt, weiß, dass er es nur im Moment so sehen kann und morgen bereits wieder alles anders sein wird, er nur erahnen kann, wie Natur in Wirklichkeit ist, heimlich und wie nebenbei sich täglich neu erschaffend, selbstverständlich da, ihn einbettend und im anderen Moment schon wieder unheimlich und aus dem Rahmen fallend, vielleicht sogar sich selbst erschreckend dabei, etwa nachts, wenn starker Wind aufkommt, der die Bäume peitscht, alte schwere Bäume zum Schwanken bringt, an den Dächern der Häuser rüttelt, menschliche Schwachstellen aufdeckend, Löcher aufreißt, Löcher, die klaffend ins Unbestimmte starren, nie mehr zugehen von allein. In der Nacht träumt er von goldenen Straßenbahnen, die durch die Landschaft gleiten, lautlos, nicht stehen bleiben, und er sieht Bunker, plötzlich stehen sie da, mitten im Grün, im Verwilderten, Bunkerungetüme, die sein unteres Bewusstsein für den Nachttraum bereithält, kuppelförmige Betonungeheuer in die Landschaft gesetzt, hineingeduckte Betonkuppeln mit Bullaugen, lauernd und stets darauf aus, etwas zu erspähen. Der Traum, genährt von einer Reise von vor vielen Jahren, holt wieder in sein Bewusstsein, was er längst vergessen hatte, erinnert ihn an die architektonischen Ungetüme, die nun, nach der Diktatur jenes Landes, das er damals bereiste, von der Natur vereinnahmt werden und ihren Schrecken verlieren, sieht die Bunker wieder vor sich, aus denen kleine Bäumchen herauswachsen, sieht die Ziegen wieder vor sich, die in die Betongehäuse hineingehen, erhobenen Hauptes, und wieder hinausgehen, erhobenen Hauptes, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, und er sieht die eine Ziege wieder vor sich, die sich auf dem gewölbten Dach niederlässt, erhaben und gleich einer Siegerin, wie sie sich, weit weg in der Ferne einen Punkt fokussierend, einen Weitblick verschafft, in weiser Voraussicht, wie ihm scheint, ihrem Sein und ihrer Behausung eine neue Bestimmung gebend, Gräser zermalmt, mit mildem Ziegenblick, als ob sie das alte Weltbild zermalmte und ein neues hervormalmte, seelenruhig auf einer der Betonkuppeln, den Befehlen der Machtbesessenen trotzend, mit gelassenem und über jede Furcht erhabenem Blick, ihm zunickend, mit breitem Ziegenlächeln, das sich unwiderstehlich auf ihn überträgt, ihn dazu ermunternd, sich sein Angstungetüm so einzuverleiben wie sie.
Pinien
Wie Pinien stehen sie zusammen und nebeneinander, die Bewohner der terrassenartig angelegten Siedlung, abends oder am späten Nachmittag gehen sie auf Tuchfühlung, suchen Nähe zu den anderen, kommen aus ihren Behausungen, sich auszulüften, wie ihre morgens aus den Fenstern gehängte traumschwere Bettwäsche, das Miteinander zelebrierend, um gemeinsam zu sitzen, schweigend wie Pinien, scheint ihm, und um zu schauen, ab und zu ein paar Worte von sich gebend, wie unterirdisch miteinander verwurzelt, ihre Gedanken wortlos austauschend, im gemeinsamen Still-Sitzen, pinienähnlich, wie stumm Sprechende. Wie beneidenswert sie sind, denkt er, in ihrer Art, so zu sprechen, wie auch Pinien miteinander sprechen, die Pinienallee vor Augen, dort auf jenem Stück Land, das er nun hier bewohnt, als ob sie sich über das Schweigen verständigten, kommt ihm ihr In-die-Weite-Blicken einem Nicht-ins Leere-Schauen gleich, erscheint ihm ihr Schauen wie ein Durch-die-Leere-Hindurchschauen, wie ein In-etwas-anderes-Hineinschauen, ohne Ansinnen, etwas zu erschauen, sich mit den anderen austauschend, über ihre Wurzeln, über den Wind, der ihr Äste-Rauschen weiterträgt. Und so, wie Pinien auf ihn herabschauen, wissend und ahnend, unerschütterlich und gelassen, haben die Bäume vielleicht schon hundert Jahre gelebt oder mehr, mächtig mit hoch oben verzweigten Seitenarmen, schlank und elegant auf die Krone zu, hin zur Krone des Kopfes, dort die Krone erwirkend, genauso erscheinen ihm auch die Menschen hier am Fuße der Burg. Mondäne graziöse Damen mit Weitblick sind das, die Pinien, sagt er zu ihr, der Frau im Bistro, so nennen sie ihr Lokal, die beiden Eheleute, sie kocht, er serviert, schon am ersten Abend, als sie ihn mit ihren Speisen verwöhnt, gedenkt er, immer wieder zu den beiden zu kommen, sie werden sich gut verständigen, auch wenn sie seine Sprache nicht kennen, er ihre nur ein bisschen, werden sie sich immer besser verstehen, werden sie sich aufeinander einhören, werden sie einander zuhören. Ein paar Pinien stehen schief, sagt er, zeigt mit seinen Gesten die Haltung der Pinien an, ahmt die Schieflage nach, stellt sich vor die Frau hin, beugt sich zur Seite mit geschlossenen Beinen, seine Arme nach oben gestreckt und dann leicht zur Seite kippend, beinahe fallend, verharrt er eine Weile in der Haltung, sie lacht nicht, nimmt seine Schieflage ernst. Einige stehen bereits sehr schief, versucht er ihr zu sagen, aber immer noch ihre Haltung wahrend, immer noch ihre stolze Haltung einnehmend, ein oder zwei liegen, sind umgefallen, und wie alles von sich gestreckt liegen sie da, das Erhabene aus ihrem Körper ausgezogen, wie von einer Außenkraft entwurzelt, dem Da entrissen, zusammen mit dem Sein fortgezogen, woandershin gezogen, ihre Hüllen zurücklassend. Und manche haben dürre Äste, es kommen keine neuen mehr nach, da sind bereits Kahlstellen. Einmal wird die Allee weg sein, werden alle Pinien weg sein, werden alle Bäume weg sein, sagt er. Er hört eine Kutsche, in seiner Vorstellung nähert sich eine Kutsche, sie fährt durch die Pinienallee geradewegs auf die Kirche zu, das schlichte Gebäude mit seinem unverputzten sorgsam gebauten Ziegelkörper, der schlichten Rosette im Turm direkt über dem Portal, hinter einem schmiedeeisernen Tor neben einem Wohnhaus, neben sämtlichen Nebengebäuden und Hauptgebäuden, und er fragt sich, wer sich das Recht genommen hat, von Nebengebäuden zu sprechen, von Hauptgebäuden. Im Backhaus, einem so benannten Nebengebäude, hätten ihre Vorfahren einst das Brot für das Gut gebacken, jetzt wohne er dort, und dort, wo das Getreidelager gewesen sei, sagt sie, die Frau, dort sei jetzt ihre Trattoria. Er bleibt stehen, in Gedanken versunken, von Vorstellungen in die Ferne gezogen, hört er bei fünfundfünfzig Pinien zu zählen auf, hat den Überblick verloren, als er wie regelmäßig abends die Allee abschreitet, den harzigen Geruch aufnehmend, nach Zapfen Ausschau haltend, immer einen abgeworfenen aufhebend und mittragend, um ihn auf das Fensterbrett zu legen, dort, wo er sitzt, immer dann, wenn er sich die Eindrücke hervorschreibt, das Erlebte nacherzählend in sein Heft notiert, einen der Zapfen in die Hand nehmend dabei, ihn dreht und wendet, wieder und wieder, wenn er dabei ist, Wörter zu suchen für das, was ihm auf den Lippen liegt für das, was sich nicht von ihnen so loslösen möchte, dass es stimmt, mit dem übereinstimmt, was er fühlt. Und oftmals bricht aus dem Zapfen ein Samenkern, unverhofft bricht einer aus seinem Verband.
Textausschnitte aus: »Wie Pinien« (Drava, 2024)
