Gabriele Kögl

Paliano 2012

An meinen ersten Paliano-Aufenthalt im Jahr 2012 werde ich jeden Tag aufs Angenehmste erinnert. Bei meinem Ausflug in das Bergdorf Segni hat mich ein winziger Kater adoptiert. Beim Pizzaessen ist er mir auf den Schoß gesprungen, hat meinen Pizzabelag abgefressen und es sich anschließend auf meiner Schulter bequem gemacht. Als ich den Restaurantbesitzer fragte, wem der kleine Racker gehöre, zuckte er mit den Schultern und meinte, er sei seit ein paar Tagen hier, er gehöre niemandem. Wahrscheinlich sei er im Motorraum eines Autos mitgefahren. Ich könne ihn haben, auf der befahrenen Piazza würde er ohnehin nicht lange überleben. 

Hatte ich eine Wahl? Tatsächlich roch der Kleine wie ein Benzinbruder und krallte sich an mir fest, als ich ging.

Im Haus in Paliano setzte er sich vor die Kühlschranktür und starrte darauf. Das kannte er also. Anfangs fütterte ich ihn mit Mortadella, und jeder Käfer und jede Spinne im Haus war ihm eine höchst angenehme Speise. So arm an Insekten war das Haus wahrscheinlich nie mehr. Auf der Suche nach einem Namen recherchierte ich über Segni und fand den berühmtesten Menschen von dort: Papst Innozenz III, vormals Lothario dei Conte di Segni. Sofort reagierte der Kleine auf den Namen Conte. 

In dem Bundesländerhaus darunter wohnten vier Burschen, die mit einem Bus gekommen waren. Nach den glücklichen Wochen, die Conte und ich dort im Haus verbracht hatten, schmuggelte ich ihn mithilfe dieser Schlepperbande nach Wien. Ich war nach Rom geflogen und hätte ihn nicht leicht mitnehmen können.  
Seither lebt Conte bei mir und ist längst eine Legende im ganzen Block. Er streunt auf den Dächern herum, ernährt sich längst von Katzenfutter, aber wenn ich ihm Mortadella und Oliven serviere, genießt er es derartig, dass ich meine, er hat noch Erinnerungen an seine Heimat im Lazio.