Gina Mattiello
stai sveglio
barfuß sticht das stroh
wird hinter orangefarbenem stein
schreiben meine tägliche konstante?
in der kartei
bin ich wohl
vermerkt
unter anmutsvollen pinien (zikadenlärm)
die spalier stehen in der einfahrt
wo der wind (der libeccio) mir die haare rauft
wo die distel wild
die zeit mich über wacht
wo die heiterkeit des lebens im freien (pasolini)
sich im dramatischen unterton erbricht
ausgerollt in einer landschaft (strohballen)
die felder erschöpft
stechen(d) ins blau
:
die mit sich selbst eingeschlossene schreibende
und die fingerkuppen bleiben streng aneinander
Im Bett des Imaginariums
104 Später fällt ihr die kleine Ansammlung von Bäumen ein, die sie vom Grundstück aus lange betrachtet hatte. Sie stehen auf einer sanften Hügelkuppe, vielleicht fünf an der Zahl, doch jeder einzelne Baum vermittelt etwas Eigenwilliges, eine Singularität, die, obschon sie in der Art der Anordnung zueinander wie in einer Linie zu stehen scheinen, aber nicht in einer mit dem Lineal gezogenen, sondern vielmehr in einer mit der Hand blind gezeichneten, den Eindruck erwecken, als wäre nicht einer der Bäume dem Betrachtenden frontal zugewandt, sondern als ob sich jeder einzelne in einer noch immer stattfindenden Drehung befände, als wären sie im Moment der leichten Abwendung von der Straße zu einem Bild verwurzelt worden. Anders verhalten sich dazu die im Spalier stehenden Pinien, die die zahllosen Auffahrten zu den Villen säumen. Obschon sie eine anmutsvolle Schönheit ausstrahlen, spürt sie in deren Regelmäßigkeit eine strenge Ordnung, als ginge es einzig um Zeichen der Repräsentation. Doch die Schönheit, die Schönheit der Pinien hat sich bereits in ihr Herz gegraben.
184 Ach, ich trage mein Herz mit mir herum, wie ein nördliches Land, den Keim einer Südfrucht. Es treibt und treibt, und es kann nicht reifen. Öd und verlassen liegt der Strand, der Wind neigt und kämmt zuweilen das wenige dürre Gras zur Seite, legt die schwarzen Flecken der über den Sandboden verstreuten Steinansammlungen frei. Sie läuft barfuß, die Spuren, die der Wind, der sich auf ihre Fersen heftet, hinter ihr auffrisst, werden sich als Schriftzeichen des Körpers ausgelöscht haben. Sie hebt ihr Gesicht, löst es von ihren Füßen und richtet den Blick in die Ferne. Der Himmel und das Meer ziehen eine waagrechte dünne Linie. Das Blau des Meeres trennt das gebrochene Weiß, das fast unmerklich in ein wässriges Blau nach oben verschwindet. Ein Streifen wie mit einem Pinsel gemalt, doch ohne dass man eine malerische Geste erkennen könnte oder den Abdruck der Pinselhaare. Zerzaust ihr Haar, das Kleid flattert an ihrem Körper, plustert sich auf und umschließt sie gleich wieder, der Saum die Knie umspielend.
Im Stehen und Betrachten wird sie für Momente zur Welle, zur dünnen Linie des Horizonts, zum blassen Blau des Himmels, das wie ein kühles Tuch die Anspannung in ihrem Gesicht löst,
je länger und tiefer sie sich in das Bild hinein begibt. Nur Stehen und Betrachten, selbst wenn der Wind stärker anhebt, an ihrem Kleid und Haar reißt, heult und röhrt, wenn er sich in Felshöhlen verfängt, die Wellenkämme höher trägt, das Meer den Sand vom Boden abzieht und zurückwirft als pumpende Maschine, die unablässig arbeitet, unbeirrt, ob ein Mensch im Bild steht oder aus diesem verschwindet : Auch der Olymp ist öde ohne die Liebe.
Textausschnitte aus: »Im Bett des Imaginariums« (Passagen Verlag, 2021) – Prosa in Fußnoten, geschrieben in Paliano im Juli 2019
