Gina Mattiello

caput mortuum


I.

Letzte Nacht sah ich mich inmitten einer Landschaft. Ich saß mit unbekannten Menschen an einem Tisch unter Steineichen. Die Zikaden zirpten. Es muss ein ganzer Chor gewesen sein. Sie zirpten in einer überwältigenden Lautstärke. Ihr Rhythmus war eindringlich und verschob sich ineinander. Der Tisch war aufwendig gedeckt. Über einem rot-weißen Tischtuch waren die Teller lose angeordnet, wie auch die Wasser- und Weingläser. Das Essen stand auf dem Tisch, in hübschen Portionen auf die Teller verteilt. Der Salat war angerichtet.  In Körben lag das Brot wie in schmalen Booten. Auf dem Feld in der Ferne sah ich ein Streichquartett. Der Wind blätterte in ihren Noten. Ich hörte die ersten Takte von Schuberts Streichquartett in a-Moll. Der Wind trug die Musik über das Feld.  Als noch nicht einmal der erste Satz verklungen war, spürte, oder mehr noch, hörte ich ein Reißen, als würde jemand ein Stück Stoff an meinem Ohr langsam und unaufhörlich zerreißen. Der Boden, auf dem die Musikerinnen saßen, begann sich langsam zu öffnen. Mit der allergrößten und langsamsten Sorgfalt, die man sich nur vorstellen kann, riß vor meinen geweiteten Augen der Boden, zuallererst als exakte horizontale, dann sogleich als vertikale Linie, und kurz darauf wurde ein Rechteck ersichtlich, in dessen Mitte die Musikerinnen saßen und unaufhörlich spielten. Als spielten sie ihrem eigenen Untergang entgegen, so erschien es mir jedenfalls aus der mir sicheren Ferne, denn sie merkten von alledem nichts.  Ich aber hörte zunehmend intensiver, ein vehement reißendes Geräusch wie eine Todesdrohung. In mir flackerten vergangene Bilder hoch: Ich sah sie vor dem Eingang von Gaskammern spielen, die erste Violine, die mir immer wieder einen Einsatz zu geben schien, diese Einsätze, die nicht nur der zweiten Violinistin, der Violaspielerin und der Cellistin galten, sondern auch mir, der fernab schändlich passiv da Sitzenden, das elende Schauspiel Betrachtenden. Ich wollte ihnen zurufen, wollte, nein musste sie warnen, darüber aufklären, dass sich die Erde langsam zu senken begann. Doch kein Sterbenston löste sich von meinem Mund, kein Schrei, kein Rufen, Nichts. Ich sah nur dieses Bild von mir: meinen aufgerissenen Mund. Ich schrie, und niemand reagierte, niemand konnte sehen, was sich gerade hier in der schönsten Landschaft vor meinen Augen ereignete. Der Klang des Streichquartetts mischte sich unversöhnlich mit dem Gesang der Zikaden, die aus dem Baum als Hüllen fielen. Ich betrachtete diese durchsichtigen Hüllen, in denen sich noch die Rippen abzeichneten: Es waren in einem Moment der Todesstarre sich vom Körper lösende Hüllen. Ich sah wie sie sich leicht im Wind drehten, wie sie auf uns niedersegelten, ins Essen hinein wehten, sich auf den Salatblättern niederließen, unsere Teller mit ihren Körpern bedeckten, sich unsere Weingläser mit ihren Körperschalen füllten, während die Fledermäuse um unsere Köpfe in den Nachthimmel flogen. Ich hörte das knackende Geräusch der sich lösenden Hüllen. Sah die Musikerinnen, wie sie langsam nach unten absanken, als würden sie von der Erde verschlungen werden, als fräße die Erde ihre eigenen Kinder, die sie irgendwann hervorgebracht hatte, bald und für immer meinen Augen entzogen.


 II.

In Giulia blitzte ein Bild ihrer Kindheit auf: eine Prozession von weiß und violett gewandeten Männern, die hinter einer heillos scheppernden Blasmusikkapelle, ein Kreuz trugen; der Rangordnung der Gemeinde entsprechend ging der Bürgermeister an der Spitze, umgeben vom Gemeinderat, gefolgt von vier Männern, die eine Madonna mit Kind unter einem Baldachin trugen, begleitet von einem Pfarrer, flankiert von vier jungen, in weißen Kleidern und dunkelrotem Cape gekleideten Mädchen, um deren Hüften eine Kordelschnur lose gebunden war, ein Kissen vor sich her tragend auf dem ein üppig mit Goldborte verziertes purpurnes Herz lag, während der Meßdiener die Glocke in einem lauten, unaufhörlichen Ostinato schlug, das alle mit sich in die Ferne fortriß, wie die betenden Frauen: O Maria, Vergine potente, grande e illustre presidio della Chiesa, während ein außer sich geratener fortwährend kläffender Hund sich nicht beruhigen wollte, bis ihn sein Besitzer gewaltsam die Treppe hochgezog, in dem er heftig an der Leine riß und über den Treppenaufgang schleifte, sodass es dem Hund den Hals abschnürte, dann mit der Spitze des Schuhs dem Hund einen Tritt versetzend, dass dieser aufjaulend zur Seite fiel, denn schließlich, so demonstrierte es der Tritt des Besitzers, könne er mit seinem Besitz machen, was er wolle und hätte er das Tier zu Tode getreten wäre niemand eingeschritten und hätte ihm Einhalt geboten, denn es standen die älteren Männer in Gruppen und schwiegen und es standen die Frauen beisammen und beteten: tu terribile come esercito schierato a battaglia; tu, sola hai distrutto ogni eresia in tutto il mondo: nelle nostre angustie.

 

Auszüge aus »caput mortuum«, verfasst in Paliano, Juli 2023