Lina Morawetz
Sechster September Zweitausendzwanzig [Auszug]
Sechster September. Am Fuße des Hügels, der Eisenhügel genannt wird, Colleferro, am Fuße des Hügels gegenüber des Dorfes Paliano im Speckgürtel von Rom, in der Kleinstadt Colleferro wurde am sechsten September ein Junge erschlagen. Ein Hilfskoch. Der Sohn von Eltern aus Cap Verde, ein Junge von einundzwanzig Jahren. Das ist keine Geschichte.
Haben Sie schon gehört, sagten am Hügel oben die Frauen, die an ihren knochigen Fingern goldene Ringe drehten und in deren Kniekehlen an diesem drückend heißen Tag Schweißrinnsale durch die Seidenstrumpfhosen gelaufen sein mussten. Im Tal sei einer erschlagen worden. Sie sagten, die Menschen seien schlecht. Sie sagten, von hier oben sähe man an guten Tagen bis nach Rom.
Die Sonne wurde rot, dann Pink und das Pink wurde blau und jeder Schatten wurde zu einem Verdacht. Man trug weiß. Der Staat reiste an, aus den umliegenden Städten, aus Rom.
Willy sei am Leben, hörten wir. Der Junge hieß Willy Monteiro Duarte und sein Mord in der Nacht vom sechsten September ließ ein Entsetzen auf die Tage los.
Es hätte am Fuße des Berges, der sich Eisenhügel nennt, in Colleferro, wo der Junge erschlagen wurde, Licht geben können, aber auch die Straßenlaternen waren von denen, die den Jungen erschlagen hatten, zertrümmert worden. Er wurde von fünf umringt. Fünfzig Sekunden. Sechster September Zweitausendzwanzig. Einundzwanzig Jahre. Willy Monteiro Duarte.
Der Kies knirschte unter den Reifen des Wagens mit getönten Scheiben. Wir schliefen in einem Haus gegenüber des Hügels. Wir hockten selbst auf einem Hügel. Der Donner schleuderte den Herbst auf die Flure. Der Regen kam. Der Sarg wurde in Schritttempo Richtung Sportplatz gefahren. Aus dem Nachbardorf stieß einer zu uns, er kam mit seinem weißen Fiat Cinquecento, schleppte einen Fünf-Liter Kanister Rotwein den Hügel hoch.
Der Regen ertränkte alles. Willys Sarg wurde über die Straße gefahren. Die Säugetiere erblindeten, keiner wollte mehr die berühmten südlicheren Tage. Gib ihnen noch zwei südlichere Tage. Nein. Die Wiesen gaben ihre letzten Geräusche von sich, ein Gurgeln und Glucksen. Die Fensterscheiben barsten nicht, es zerrissen keine Spinnweben, die Skorpione stellten ihre Stacheln nicht auf. Am Abend sahen wir erneut den weißen Fiat durch die Hügel rollen. Der mit dem Weinkanister blieb im Auto sitzen, den Kopf gesenkt. Er griff ans Lenkrad, mit beiden Händen, und die Nacht hatte dreitausend Stunden
