Alexander Peer
Wie bekämpfe ich den kleinen Diktator in mir?
„Das geht dich gar nichts an, was ich mit meinem Geld tue“, sagt meine Liebste. Und sie hat selbstverständlich recht, ich sollte aufhören, sie zu belehren. Auch wenn sie sich das sechzehnte Notizbuch kaufen möchte.
Wenn ich in einem Museumsshop stehe und meiner Liebsten den Kauf des hundertsten Pencil-Etuis oder Notizblocks ausreden möchte, dann bin ich damit an der Schwelle zur Diktatur. Ich bin nicht verlegen, kluge Argumente anzuführen, und verweise auf all die graue Energie, die in den produzierten und – es sei nebenbei erwähnt – erstaunlich oft sinnlosen Dingen steckt. Die pure Bedürftigkeit kann es sicher nicht sein angesichts von fünfzehn unbeschriebenen Notizbüchern, die bei uns zu Hause ein tristes Schubladendasein führen. Schließlich die radikale Tour: Wer in einem Museumsshop ein Produkt kauft, ist offensichtlich dem Inbegriff des Kapitalismus auf den Leim gegangen. Selten zeigt sich das Antlitz des Turbokapitalismus klarer als in Museumsshops.
Erstens kosten Produkte hier per se zwanzig Prozent mehr als anderswo – ausgenommen die Bücher, die überall gleich wenig kosten. Zweitens quillen die Shops davor über, was Benjamin in seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ problematisiert hat: die absolute Austauschbarkeit von Original und Kopie. Dieser Verlust der Aura wird mit jedem Magnetplättchen, das einen van Gogh abbildet und einen privaten Kühlschrank zieren soll, weiter angefacht. Drittens ist ein Gros dieser Produkte in denkbar unwürdigen Fabriken hergestellt, deren Mitarbeiter Sozialstandards ertragen müssen, die diesen Namen nicht verdienen. An all dem beteiligt sich meine Liebste, wenn sie in einem Museumsshop zur engagierten Dienerin der Ausbeutenden wird.
„Das geht dich gar nichts an, was ich mit meinem Geld tue“, pflegt sie meine bescheiden marxistischen Auslegungen abzutun.
Kein freiheitsliebender Mensch ist gewillt, diktatorisches Verhalten hinzunehmen. Aber wo beginnt dieses? Nicht bei Putin, Trump und Konsorten. Diktaturen beginnen wie alles in der Familie, und da die Familie die Reproduktion der sozialen Umstände ist, in jeder Gesellschaft weltweit, beginnend einst mit der Stammesgesellschaft und ihrem Verständnis von Rangordnung.
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© Alexander Peer, entstanden in Paliano im Mai 2025
Zum gesamten Essay: Die Presse Spectrum, 6. Juli 2025
© Alexander Peer
Das gestrandete Tier des 19. Jahrhunderts
Ein Bindemittel, um Vergangenheit und Zukunft zu verkleben, Sand mit Sand: Zement.
Da liegt der Saurier mitten in der Stadt, die sich streckt zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Ins All soll es gehen, dank Avio! Keiner würde dies vermuten; sind es nicht Rübenacker,
die hier für Nahrung sorgen und sorgten?! Die Stadt weist sich auf den ersten Blick nicht als Forschungszentrum aus. Kommt man am Bahnhof an, meint man, es sei eine Reise zurück, aufspringende Betonplatten, durch welche sich das Grün arbeitet und damit Zweifel säht an der gesunden, wirtschaftlichen Entwicklung. Doch entdeckt man das Raumfahrtunternehmen, das wie viele Raumfahrtunternehmen in Conclusio auch ein Rüstungsunternehmen ist, denn wo Motoren große Antriebe erzeugen, dort können sie große Vernichtung bewirken, dann entpuppt sich Colleferro auf einmal als Nabel einer bestimmten Welt. Hier allein lässt sich alles zusammentragen, um ein Gefährt zu basteln, mit dem man ins All verschwinden … und alle irdischen Probleme zu universellen übertragen … könnte.
Sieht man sich weiter um, entdeckt man Galileo S.P.A. bzw. seine Geschichte: ein weiteres Rüstungsunternehmen. Etwa 90 Kilometer südlich liegt Cassino, eine Stadt, die im Zweiten Weltkrieg zum Inferno wurde, wo sich um den historisch so aufgeladenen Monte Cassino ein Kesseltreiben entwickelte, das Tausenden Zivilisten und Soldaten das Leben kostete. Die Alliierten sprengten sogar das Kloster, weil sie dort die Nazis verschanzt vermuteten. Da irrten sie, vielmehr nutzten die Nazis danach die Ruinen, um sich zu verstecken.
Ein Zyniker behält leider immer Recht. Er würde als Kosmopolit vielleicht sagen: Seht, hier finden Yin und Yang zusammen, der Krieg und seine unverzichtbare Ressource, der militärische Geist und sein technologischer Kompagnon. Zynismus allerdings ist stets der Tod der Kunst.
Einstweilen pumpt und stöhnt der Saurier in Colleferro, als wäre ihm zu viel Zukunft in der Nachbarschaft. Aufdringlich tut diese nachbarschaftliche Technologie und arrogant, nämlich leise und souverän. Ein Zementwerk jedoch hat schon seit Jahrhunderten eine verlässliche, nur geringfügig adaptierte Weise des Funktionierens – es macht halt Lärm das gute 19. Jahrhundert! Sicherlich entwickeln findige Forscher und Forscherinnen manche Additive, um dem Zement sein großes Manko – den CO2-Ausstoß – auszutreiben, aber letztlich weiß man doch: Bauen bleibt ein Klimatreiber. Vielleicht wird er kleiner, aber so richtig ökologisch wird’s nur dann gehen, wenn man wieder ganz auf Lehm, Holz, Flachs und Lachs usw. zurückgreift und eben Steckverbindungen, keine Klebereien, keine Hybridsysteme mehr.
Dennoch sind Kubaturen, die nur dank Beton möglich sind, unverzichtbar – wie sollen denn die Kathedralen der säkularen Welt, die Fußballtempel, Einkaufsdome und Entertainment-Pyramiden, errichtet werden? – und wie bitte schön soll eine Brücke etwa aus Sisal halten (da müssen schon viele massive Taue geformt und gebunden werden – die mexikanische Stadt Merida wurde einst reich nur dadurch und versorgte Schiffe sonder Zahl)? Bestenfalls Gehbrücken aus Bambus sind bauphysikalisch denkbar, aber nicht für viele. Vergangenheit und Zukunft, selten sehe ich sie in direkterer Nachbarschaft als hier in Colleferro. Sie sind nicht offensichtlich, man muss nahekommen und lesen. Lass die etwas erzählen von den Gebäuden!
Paliano ist wie eine Flucht aus diesem Dilemma. Aber auch nur möglich, weil Länder durch Steuerabgaben von Konzernen (ergo auch Rüstungskonzernen) Kulturbudgets erstellen können, die dann von jenen genutzt werden, die – im besten Fall – grausam und genau sind mit ihren Beobachtungen und den Finger auf die Wunden legen, aus welchen sie selbst bluten. Seit Gründung der Banca Monte dei Paschi di Siena das gleiche, unlösbare Dilemma: Söldner und Dichter werden von der gleichen Hand gezahlt. Man kann es vergessen, blickt man aus der Casa Litterarum über die Wiesen und Pinien hinweg und man hat eine Wahnsinnslust davon zu träumen, dass Fortschritt ohne prometheische Scham nach Günther Andersscher Denkart möglich ist und dass der Krieg weder der Vater aller Dinge noch sonst irgendein Familienmitglied ist … zumindest für eine Weile mag man es vergessen, denn der Zynismus ist der Tod der Kunst.
Alexander Peer, Paliano am 17. Mai 2025
