Martin Prinz
Aufzeichnungen aus Paliano
Paliano, 2. August 2021
Im alten Bauernhaus gegenüber das Fenster, hinter dem ich am 2. August vor zwanzig Jahren die ersten Zeilen des „Räuber“-Romans schrieb. Die Fenster schauen nun auf das erst später erbaute Atelierhaus der Literaturgesellschaft herüber, deren Gast ich diesmal bin. Die Fensterläden sind zu.
Etwas schaut dennoch herüber. Erinnerung, die bei geschlossenen Augen sogar noch stärker ist: Wie leicht und intensiv, wie auswendig tief ich mich in den Höhlen der Geschichte damals bewegte. Dazu die Sehnsucht, so etwas möge wieder geschehen. Zumindest aufblitzen, wie das an nicht wenigen manchen Stellen der Unsichtbaren Seiten oder der letzten Prinzessin geschah.
Im Manuskript von "Dahinter nichts" blieb es bislang bei einem Winken. Manchmal näher, dann wieder entfernt. Seit einigen Jahren geht das so. Ein Auf und Ab, wie Atem, der in seinen Traumaussetzern erst lehrt, wie unheimlich Selbstverständlichkeit ist.
Dem vertrauen, wie ein Tagedieb, nicht weniger und doch beiläufig. Auf einer Spur, deren Linie einem im Weitergehen folgt, sobald man sie für den nächsten Schritt nicht mehr sucht.
Paliano, 3. August 2021
Mir helfen die eigenen Abstürze am besten. The line of grace and beauty ist die Kurve, die ich nicht kriege. Manchmal wollte ich es gern, und bin im Rückblick froh über jeden Abflug.
Paliano, Rückblick
Im April 2024 saß ich wieder auf der anderen Seite. Ich wüsste nicht, dass es das letzte Mal sein würde. So arbeitete an dem Tisch im Bauernhaus einer, für den es kein Fangnetz mehr gab. 5 Jahre Arbeit an "Dahinter nichts", doch in keiner Fassung bekam ich jene entscheidende Kurve hin, die im Grunde weit handfester als bloß eine von Grace and Beauty ist. Vielleicht, weil "Dahinter nichts" immer auch ein Ablenkungsmanöver von jenem Erzählstoff war, der mich weit länger schon verfolgte: Geschehnisse in einer Gegend unweit von Wien, fünfeinhalb Wochen im Frühling 1945. Haargenau dokumentiert in einem Konvolut, das seit Jahren auf meinem Nachtkästchen lag. Tage einer halsbrecherischen Alltäglichkeit von Denunziation, Terror und Mord. Ich kannte den Inhalt fast schon zu genau, manchmal träumte ich ihn. Aber ich hatte keine Form, keine Perspektive. Bis ich mich auf das Reden der Täter selbst einließ, auf ein Reden, das allein schon eine Grammatik war. Passivkonstruktionen, Konjunktiv, Verallgemeinerung. Die Feigheit des Bösen. Inhalt, Form und Perspektive waren darin schon vor der ersten Zeile da. So saß ich im April 2024 auf dem alten Tisch, die Fensterläden offen. Ein erster Versuch als im Vorhinein bereits letzter. Denn Fangnetz gab es keines mehr, weder ökonomisch noch sozial oder psychisch.
Ein knappes Jahr später sind "Die letzten Tage" im Februar 2025 erschienen. Die Fensterläden des Bauernhauses sind jetzt wohl zu, wie vermutlich auch jene des kleinen Schreibhauses gegenüber. Etwas schaut dennoch aus solcher Gegend immer herüber.
Martin Prinz
