Andreas Renoldner
HAUSBESETZUNG
Fink streckte sich und stand daher in seiner größtmöglichen Größe vor dem noch viel größeren Tor, das aus zwei mächtigen, schmiedeeisernen Gitterflügeln bestand.
Der Anlass für diese Streckung war nicht, dass sich Fink nach der mäßig steilen Auffahrt aus der angestrengt buckeligen Haltung am Fahrrad hätte dehnen müssen. Ihm war klar, was ihm nun gleich bevorstand. Für diese Aufgaben sollte ihm die Streckung Kraft und Ansporn geben, während sich die Gitterflügel plötzlich zu bewegen begannen.
Fink dachte, dass er jetzt nicht „wie von Geisterhand bewegt“ denken wollte, aber damit hatte er genau das auch schon in genau dieser abgedroschenen Formulierung gedacht, weshalb er über sich selbst verärgert war. Schuld an diesem Stehsatz in seinem Kopf waren eindeutig der blöde Mechanismus und die vollkommen geräuschlos arbeitenden Elektromotoren und eigentlich war es eine Frechheit der Gartentorbewegungsmaschineningenieure, eine dermaßen lautlose Mechanik zu bauen, dass einem nichts anderes als der verblödete Spruch von der Geisterhand einfallen konnte. Wieder einmal war Fink klar, warum er zu Ingenieuren aller Art keine positiven Gefühle entwickeln konnte. Alles, was Ingenieure so erfanden war irgendwie hinterhältig. Ein gutes Beispiel dafür waren die elektrischen Fensterheber in einem Auto, die statt der früher problemlos funktionierenden Kurbeln eingebaut wurden. Kein Mensch hatte die gebraucht, fiel Fink dazu noch ein und dann ging er das Fahrrad schiebend durch das weit offenstehende Tor, das sich hinter ihm wie von Geisterhand bewegt geräuschlos schloss. Schon befand er sich in einem dank der Geister vollkommen abgesperrten, weitläufigen Gelände mit mächtigen Bäumen und einigen größeren Gebäuden, vermutlich ehemaligen Pferdeställen, eines davon war ein kleines Schloss.
Die zweite Geisterhandfrechheit ereignete sich von Fink unbedacht, weil er mitten in gut besiedelter Gegend in ein riesiges, abgeschirmtes Stück Land eintrat. Eine Oase war es nicht, aber auch kein Spukschloss in unüberschaubar großem Park, weil sich die Geister ja beim Eingangstor aufhielten und nicht gleichzeitig auch noch hier herinnen herumflattern konnten.
„Das einzige Gespenst hier herinnen bin ich!“
Fink hörte, wie er das murmelte. Er wiederholte den Satz mit etwas Stimme, dann etwas lauter, dann sehr laut, aber nicht einmal ein Vogel hörte ihm zu und antwortete mit Gezwitscher oder Krächzen. In diesem Augenblick war Fink klar, dass er ganz alleine durch das alles durchgehen musste, das ihm jetzt gleich bevorstand.
Die halbe Dame aus Stein, die gänzlich nackt rechts oben in der Wiese stand, war sicher keine Hilfe und wohl damit beschäftigt, sich vollkommene Ganzheit zu erträumen, die sie im Versteinerungszustand nie erreichen würde. Leider hatte sie keinen Mund, weshalb er sie nicht wach küssen konnte, außerdem war er ja kein Prinz, ein etwaiger Mund viel zu hoch oben und noch nicht freigehauen, und dass sich eine steinerne Dame zum Leben erwecken ließ, wenn man an ihren Steinbrüsten herumknutschte, hatte Fink noch in keinem Märchen gehört.
Ganz klar war hingegen, dass sich Fink in einer Märchenwelt befand, von der Draußenwelt durch ein Geistertor abgetrennt, eine steinerne, vom Bildhauer nur halb ausgeführte Dame als Ansprechpartnerin stand stumm herum, und auch sonst mochte sich noch allerhand zeigen hinter Ecken von eckigen Gebäuden, hinter Toren, hinter den mächtigen Baumstämmen und vor allem im Häuschen am Wiesenrand.
Das musste es sein, wusste Fink, und gleichzeitig wusste er, dass das Häuschen vermutlich gar nicht so klein war, wie es im Vergleich mit den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden zwischen den Bäumen wirkte. Da war vermutlich ganz schön viel Platz drinnen und damit auch ganz schön viel Platz für viele zu bewältigende Aufgaben, die er auf sich zukommen sah.
Als Fink den Schlüssel ins Schloss steckte, ihn drehte, die Türschnalle hinunter drückte und damit die Haustüre öffnete, war kein Geist behilflich. Er trat ganz alleine, aber keineswegs unbeholfen oder hilflos ins Innere, sah mit dem ersten Blick sofort, dass er das Fahrrad links neben der Türe im großen Raum abstellen konnte, damit es im Trockenen stand und nicht so einfach von Geisterhand oder von ganz normalen irdischen Dieben weggebracht werden konnte.
Wieder draußen hob er die Satteltaschen vom Gepäcksträger, trug sie in den großen Raum und stellte sie ab, dann holte er das Fahrrad und räumte es in die Ecke links neben der Türe.
Bis hierher war alles ganz normal, wusste Fink, und auch das weitere Vorgehen war Routine. Das Aus –, Um – und wieder Einräumen ereignete sich für einen Menschen, der wie Fink oft reiste, wie von selbst. Er musste nicht nachdenken, ob er Hemden und T-Shirts aus dem grünen, wasserdichten Sack mit Rollverschluss legen oder hängen sollte. Das Aufhängen auf Kleiderhaken und diese wiederum an die Kleiderhakenstange im Hängekasten hängen lief flott dahin. Es folgten die Handgriffe für Unterhosen, Socken, Pullover und die eingerollte Regenjacke, das alles landete im dritten Fach von oben des Kastenteils mit den Fächern, und dann ging es ans Eingemachte, fiel Fink ein. Er beutelte allerlei Kleinzeug aus dem roten, wasserdichten Sack mit Rollverschluss auf die Matratze im Schlafzimmer und überlegte für jedes einzelne Stück, welchen Platz er genau diesem Gegenstand zuordnen wollte.
Zahnbürste bis Handcreme, Nagelschere und weiteres Toilettenzeug kamen in das Spiegelkästchen oberhalb des Handwaschbeckens im Badezimmer mit Toilette zu liegen, Landkarten, Reisepass, Ladegerät für das Mobiltelefon, Papiertaschentücher, Stifte und Papier auf der Kommode im großen Raum. Die im Zusammenhang mit dem Rad stehenden, in einen blauen, wasserdichten Sack mit Rollverschluss verpackten Gegenstände wie Fahrradlampen, Schutzbrille und der wasserdichte Plastiksack mit dem kleinen Radwerkzeug samt Reserveschlauch fanden jetzt ihren Platz auf dem Fensterbrett, vor dem das Fahrrad stand. Zuletzt kamen noch die zweite Hose und das Sportgewand fürs Radfahren an die Reihe. Sie wurden von Fink in das zweite Fach von oben im Kasten mit den Fächern geräumt.
Die zweite Sattelpacktasche, wasserdicht mit Rollverschluss, enthielt fast ausschließlich Lebensmittelvorräte. Sie alle hatten einen erst vor kurzer Zeit stattgefundenen, mehrstufigen Herumräumprozess durchlebt. Fink hatte diese Packungen und Flaschen im wenige Kilometer entfernt liegenden Supermarkt jeweils mit ein wenig Überlegung ausgewählt und von ihren Plätzen in den Regalen genommen, in den Einkaufskorbwagen geräumt und nach dieser Sammelaktion aus dem Einkaufskorbwagen wieder heraus auf ein Förderband geräumt, das die Waren wie von Geisterhand bewegt lautlos zur Dame an der Kassa räumte. Hinter der Kassa hatte er die Packungen und Flaschen neuerlich in den Einkaufskorbwagen geräumt, um sie nach dem Bezahlen, wofür er die Geldtasche aus der Hosentasche geräumt, aus der Geldtasche die Bankomatkarte herausgeräumt und vor das Bankomatterminal gehalten hatte, ehe er die Bankomatkarte wieder in die Geldtasche und diese wiederum in die Hosentasche zurückgeräumt hatte, nach diesem Bezahlvorgang also, der im Grunde so etwas wie ein Herumräumen von Zahlen bedeutete, womit sich gleichzeitig Geldwert von seinem Konto auf das Konto der Handelskette räumte, nach diesem Bezahlvorgang also war er mit dem Einkaufskorbwagen hinaus zu seinem Fahrrad gegangen, wo er die mit Hilfe des Einkaufskorbwagens aus dem Inneren des Supermarktgebäudes ins Freie geräumten Packungen und Flaschen ihrerseits aus dem Einkaufskorbwagen in die Satteltasche links hatte räumen können.
Doch das war Schnee von gestern, fiel Fink ein, während er die Eisschranktüre öffnete, Milch- und Bier- und Weinflaschen in die Flaschenfächer an der Kühlschranktüre räumte, Wurst-, Käse- und Butterpackungen auf das mittlere Kühlschrankregal räumte, der Eierkarton fand auf dem oberen Regalgitter Platz, Karotten, Kartoffeln, Salat, Zwiebeln und eine Fenchelknolle wurden von ihm traditionell ins Gemüsefach und auf das unterste Kühlschrankregal geräumt. Dann folgte das Ausräumen und Auf-das-offene-Küchenregal-Räumen von Salz-, Zucker-, Nudel- und Reispackungen, drei kleine Gläser mit Gewürzen fanden daneben Platz, ehe es mit den Papiersäcken mit Orangen, Zitronen und zwei Äpfeln weiter ging, für die sich im unteren Teil des Küchenkastens eine Korbschale zum Hineinräumen fand, wobei Fink die Korbschale zuerst aus dem Schrank heraus- und auf die Arbeitsfläche hinaufräumen musste.
Ein Plastiksack mit Oliven lag ganz unten in der Packtasche. Fink räumte ihn zum Obstkorb auf die Arbeitsfläche des niedrigen Küchenkastens, der unter anderem Geschirrtücher und ungebrauchte Putzschwämme enthielt. Der Halbsatz „Mehr dazu später!“ räumte sich in sein Bewusstsein und er schloss die Türe rasch. Da drinnen stand ihm nämlich noch einiges bevor. Als Erstes aber hatte er aufwändigeres Räumen zu erledigen, sobald er sich selbst aus der Kochnische hinaus- und ins Schlafzimmer hinübergeräumt hatte.
Das Spannleintuch war mit einem Griff von dem mit „Leintücher“ beschrifteten Regalbrett genommen, auch das Hinaufräumen auf die Matratze mit dem bereits von jemand anderem auf die Matratze geräumten Matratzenschoner ging rasch vonstatten. Dann aber wartete auf ihn das sogenannte Überziehen der Decke, also das Hineinräumen der Decke in den Deckenüberzug, wozu man diesen am besten in sich stülpte, ihn somit wendete oder auch in sich selbst hineinräumte, damit man durch Gebeutel mit hoch gestreckten Armen den Überzug neuerlich wendend über die Decke schütteln konnte und damit sozusagen reziprok die Decke in den Überzug hineinräumte. Zuletzt wurden Knöpfe durch Knopflöcher geräumt und das verschlossene Decken– Deckenüberzug Konglomerat auf das Leintuch geräumt. Der gleiche Vorgang wurde von Fink analog mit einem Kopfpolster wiederholt, wobei er, um den Beutelvorgang erfolgreich durchführen zu können, die Arme nicht so hoch strecken musste wie bei der Decke.
Just dann beutelte es Fink, denn er hatte nebenher bemerkt, dass hinter dem Bett, das er zum Überziehen mit dem Leintuch ein wenig von der Wand hatte nach vorne räumen müssen, dass hinter dem Bett also sogenannter Lurch am Boden lag, ein weißlichwolliger Wurm oder besser ein wurmartiges Gespinst, in dem sicherlich allerlei Böses wohnte, Bakterien und Milben und andere ein– bis mehrzellige Lebewesen, die sich in der Nacht über im Schlaf Wehrlose hermachen konnten. Schon eilte Fink zur Ecke mit den für Reinigung gemachten Gegenständen, packte Besen und Kehrschaufel, räumte sich selbst mit diesen beiden Geräten zurück ins Schlafzimmer, wo der Besen durch die von Fink anregte Kehrbewegung die Pestillenz auf die Kehrschaufel räumen konnte.
Wenig später war der Lurch ein Stück vom Haus entfernt in einer düsteren Ecke zwischen Gartenmauer und einem mächtigen Baum neben Efeu und Baumschnittresten auf einen Haufen zusammengeräumten und ebenfalls hier abgelegten Laubes gefallen.
Im Umdrehen schien Fink, als habe ihm jemand zugezwinkert, doch da war niemand zu sehen, als er sich langsam einmal im Kreis drehte und nichts als Mauern, Gebüsch und Baumstämme in der Wiese erkennen konnte.
Doch! Da war jemand! Die Dame aus Stein war hier.
Nachdem ihr Kopf noch nicht freigehauen und somit noch immer in den Stein hineingeräumt war, konnte sie nicht gezwinkert haben, ganz abgesehen davon, dass steinerne Damen auch im freigelegten Zustand nicht zwinkern konnten. Vielleicht aber konnte sie das tun, wenn niemand sie beim Zwinkern beobachten konnte, weil sie im und somit auch hinter dem Stein tun und lassen konnte was immer sie wollte. Dort drinnen im Unsichtbaren war es ihr vielleicht möglich, gegen sämtliche Naturgesetze zu verstoßen und sogar als Stein quietschlebendig zu sein. Alles blieb in seiner Ordnung, weil niemand den Ordnungsverstoß wahrnehmen konnte.
Fink überlegte, ob ihm diese Gedanken unheimlich sein sollten, oder ob er die Möglichkeit einfach so akzeptieren sollte, wie jeder Physiker das Unmögliche der spukhaften Quanteneigenschaft akzeptieren musste, weil man diese beobachten, messen und sogar willkürlich steuern konnte, weshalb das Unmögliche zwangsläufig eben doch möglich war und sich tatsächlich ereignete, obwohl es der sonstigen Wirklichkeit widersprach und für jeden gewöhnlichen Menschen nicht wahrnehmbar war. Man konnte diese Eigenschaften weder hören, sehen noch spüren.
Da war einiges möglich in dieser Märchenwelt hinter dem Geistertor, fand Fink und zwinkerte der steinernen Dame zu, obwohl ihre Augen wie der gesamte Kopf noch gar nicht freigehauen waren. Dann atmete er einmal tief durch, streckte sich in die Länge und räumte sich aus dem Freien zurück in den großen Raum, wo noch viel zu viel auf ihn wartete, wie er bereits zuvor so nebenher gesehen hatte.
Obwohl er die Türe hinter sich zuschlug, schien ihm in diesem Augenblick, als sei einer der Torgeister ins Haus gehuscht.
Jetzt reichte es! Es galt die Nerven zu bewahren, weder nicht existierende Geister zu phantasieren noch einem Stein zuzuzwinkern, bloß weil diesem Stein teilweise Ecken und Kanten weggehauen worden waren, um eine Form übrig zu lassen, die einer halben, nackten Dame ähnlichsehen sollte. Mit Hilfe solcher Phantastereien konnte er die ihm jetzt bevorstehenden Aufgaben sicher nicht rascher erledigen, selbst hundert oder mehr erdachte Heinzelmännchen würden es ihm nicht abnehmen, die schon in den Augenwinkeln nebenher erspähten Arbeiten in Angriff zu nehmen oder gar zu Ende zu führen.
„Vor dem Ende muss man anfangen!“
Fink hörte sich diesen Satz murmeln, und schon das Gemurmel wirkte in ihm. Bevor er aber blindlings einfach irgendwo begann, war es klüger, einen Plan zu entwickeln und eine die Arbeiten erleichternde Reihenfolge zu erdenken, doch noch ehe er zu denken angefangen hatte, sah er sich vor dem offenen Küchenregal stehen und die Gegenstände vom zweiten Fach von oben, nämlich Tassen und Gläser, einen nach dem anderen auf den großen Tisch hinüberräumen, damit er das unter den Gläsern und Tassen liegende Tuch, das zweifellos verstaubt und an einer Ecke fleckig war, vom gläsernen Fachboden nehmen, in das Badezimmer tragen und dort in die Waschmaschinentrommel räumen konnte. Ein sauberes Geschirrtuch aus dem niedrigen Küchenschrank ließ sich anstandslos auf das nun freie Regalbrett räumen, dem folgte das wieder langwierige Zurückräumen der Gläser und Tassen, wobei Fink sich bemühte, eine Ordnung herzustellen, die ihm selber ordentlich vorkam.
Der nächste Arbeitsschritt war das Ausräumen des dritten Faches von oben, nur dass es sich diesmal um Tellerstapel und Schüsseltürme handelte, die Fink vorsichtig auf den Küchentisch hinüberräumte, um in der Folge auch ein hier liegendes, zweifellos verstaubtes Tuch zu nehmen und zum anderen Tuch in die Trommel der Waschmaschine zu räumen. Folgerichtig räumte Fink nun die Tellerstapel und Schüsseltürme wieder zurück auf das dritte Regalbrett, nachdem er auch dieses mit einem frischen Geschirrtuch vollgeräumt hatte.
Nun kam das vierte Regalbrett von oben an die Reihe, darauf hatte man Küchenutensilien aus Plastik und einige Töpfe geräumt, als Fink gänzlich unüberlegt den geraden Pfad der geordneten Räumarbeit verließ, sich in das Badezimmer hinüberräumte und dort damit begann, die ungeordnet beieinander stehenden Plastikflaschen mit Wasch- und Putzmitteln sortierend herumzuräumen, wobei er plante, die reinen Putzmittel bei nächster Gelegenheit in die Küche und zwar in den Kasten unter der Abwasch zu räumen, während die Waschmittel für Wäsche seiner Meinung nach in die kleine Stellage geräumt werden sollten. Leider war das nicht möglich, denn der Höhenabstand zwischen den Fächern war zu niedrig. Die große Plastikflasche mit dem flüssigen Vollwaschmittel fand darin keinen Platz. Fink räumte sie hierhin und dorthin und war mit keinem der Stellplätze wirklich zufrieden, trug die Putzmittel in die Küchennische und stellte sie vorübergehend dort am Boden ab, bevor er sich für weiteres Nachdenken in Ruhe auf die Toilettenbrille räumte.
Es krachte. Die Toilettenbrille räumte sich seitwärts rutschend von der keramischen Toilettenmuschel, und als Fink sich von der abgerutschten Klobrille in die Höhe geräumt und dann durch Bücken näher an die Klobrillenhalterung herangeräumt hatte, konnte er mit zweimaligem Rütteln feststellen: Beide Halteschrauben waren komplett durchgerostet und abgebrochen. Die Klobrille hing haltlos auf der Keramik der Kloschüssel und jeder Versuch, darauf ruhig zu sitzen und ein wie immer geartetes Geschäft zu verrichten, diverse Materie also aus dem Körperinneren in die Klomuschel hineinzuräumen, stand unter dem Zeichen von höchster Gefahr. Seitliches Abrutschen samt Sturz auf die harten Bodenfliesen war jederzeit möglich.
Bevor Fink hier also auch nur einen weiteren Handgriff tat und irgendetwas so herumräumte, dass es für ihn passte, musste er sich auf dem Fahrrad zu einem Geschäft räumen, wo man Toilettensitze verkaufte. Inzwischen aber hatten sich die Zeiger der analogen Armbanduhr in die Stellung sechs Uhr zwanzig geräumt und so verräumte Fink das Vorhaben, einen neuen Toilettensitz auf die Toilette zu räumen, wegen der Ladenschlusszeiten zwangsläufig von sofort auf morgen. Etwaige dringende Körpergeschäfte musste er heute wohl in Hockerstellung oder auf der kalten Keramikfläche sitzend verrichten.
Diese Gewissheit trieb ihn aus dem Badezimmer zurück in die Küchennische, von dort weiter wieder halb zurück ins Schlafzimmer und von dort über die Terrassentüre hinaus ins Freie. Hinter der Hausecke stand die steinerne Nackte am Wiesenrand und lachte.
„Sie haben leicht lachen mit ihrem Steinpopo! Dem ist nie kalt, weil er selber kalt ist!“, rief Fink. Die steinerne Halbdame blieb stumm wie ein Stein. Fink räumte die Zungenspitze aus dem Mund, streckte sie der Dame entgegen und räumte sich selbst zurück ins Haus. Er musste weitermachen, egal wo und wie, sonst fand das Herumräumen hier nie ein Ende, obwohl er bereits angefangen hatte.
In seiner wilden Entschlossenheit wandte sich Fink ohne zu überlegen der nächsten Aufgabe zu, nämlich einer offenen Kommode, die in vier Abteilen bunt gemischt alles Mögliche enthielt. Es sah danach aus, als hätten ihm unbekannte Vorbewohner einfach alles, wofür sie keinen Platz fanden, in diese Abteile geräumt. Hausschuhe hatte man neben eine Vase geräumt, Plastikteller neben Räucherspiralen, mit denen man Gelsen und wohl auch Gespenster verjagen konnte, wenn sie nur ordentlich qualmten im Dahinglosen nach dem Anzünden und so weiter. Auch in den vier Abteilungen der zweiten offenen Kommode war in den Augen von Fink pures Chaos vorzufinden.
In so einem Fall half nichts als alles auszuräumen, am besten gleich vor den Kommoden am Boden auszubreiten und zu versuchen, Gruppen mit Gegenständen zu bilden, die irgendwie bestimmungsgemäß miteinander zu tun hatten, auch wenn diese Gemeinsamkeiten an den nicht vorhandenen Haaren der Gegenstände herbeigeräumt werden mussten. Ein anderes Ordnungssystem wäre es, runde Gegenstände auf einen Haufen zu räumen, auf einen anderen Haufen eckige, einen dritten Haufen mit länglichen Gegenständen zu bilden und so weiter, auch eine Ordnung nach Farben von Gegenständen wäre eine Möglichkeit, denn etwas Bestimmtes würde hier ohnehin niemand finden, konnte doch niemand vorhersehen, was hier überhaupt zu finden war. Im Grunde war das alles sogenannter Ramsch, und eigentlich hätte Fink alles am liebsten in den Mülleimer geräumt, weil ihm nichts davon brauchbar erschien, ja bei manchen der Gegenstände konnte er nicht einmal erraten, wofür man sie erzeugt hatte. Es gab Deckel von nicht mehr vorhandenen Gefäßen, Abgebrochenes, gebrauchte Fahrscheine, eine Taschenlampe ohne passende Batterie, ein Stück Stromkabel für Erdung, eine Fliegenklatsche und
Fink richtete sich auf und betrachtete ratlos den Haufen an Gegenständen, den er durch Herausräumen aus acht Kommodenfächern erzeugt hatte und der nun ein gutes Drittel der Bodenfläche im großen Raum bedeckte. Man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, fiel ihm dazu ein bekanntes, für seine Situation leider nicht passendes und leider auch abgedroschenes Zitat ein.
Es war an der Zeit, dass er auch in seinem Kopf einmal aufräumte, dachte Fink und war noch ratloser, als ihm bewusst wurde, wie viel er inzwischen angefangen aber nicht zu Ende gebracht hatte. Nur das Bett war in Ordnung und hinter dem Bett war es sauber. Sonst aber sah es schlecht aus: Im Badezimmer zwei angefangene Baustellen, die Putzmittelflaschen in der Küche standen vor der Abwaschkommode auf dem Boden verteilt, der Küchenkasten mit dem Geschirr halbfertig, die Toilette halb zerstört, davor am Boden die Klobrille, dazu kam noch, dass es hier und dort und auch sonstnochwo viel zu tun gab, das er noch nicht einmal in Angriff genommen hatte.
Am liebsten hätte er jetzt die Gartentorgeister gerufen und sie gebeten, ihm beim Aufräumen zu helfen. Das musste nicht einmal lautlos vor sich gehen, doch welcher Geist konnte schon tatsächlich helfen? In der Regel brachten Gespenster Unordnung ins Leben der Menschen, Angst und Schrecken und dann ließ man Gläser oder Tassen fallen und dann hatte man den Salat, um bei fixfertigen Redewendungen zu bleiben.
Allmählich stieg in Fink Ärger hoch. Er hatte es von Anfang an gewusst. Er hatte es kommen sehen, dass ein Berg an Aufgaben vor ihm liegen würde, er hatte sich gestreckt und gewappnet, hatte sich mit den besten Vorsätzen ins Haus geräumt und tatsächlich ganz systematisch und ordentlich zu ordnen begonnen.
Am Anfang war alles gut gewesen. Für ein Ende sah es schlecht aus.
Auch wenn er jetzt in Gedanken versuchte, die Schuld am Chaos in drei der vier Räume den Gartentorgespenstern anzulasten, die mussten ihren kalten Hauch im Spiel gehabt und die Klobrillenhalterung zerbrochen haben, war ihm gleichzeitig klar: Das ganze Durcheinander hatte er selbst zu verantworten. Jetzt galt es, sich aus dem Allem herauszuräumen, egal ob mit Gewurschtel oder geordnet.
In diesem Augenblick schlug die Raumzeit unerbittlich zu. Die Sonne begann sich hinter den Horizont zu räumen, weil sich die Erde im Weltenraum drehte, in Fink begann der Hunger zu knurren, weil seine übliche Essenszeit gekommen war, seine Stimmung war am Tiefpunkt und dann stolperte er auch noch am Weg zur Kochnische über einige Eisenteile, die beim Zusammenschrauben der Kommoden mit vier Fächern übrig geblieben und von den Hobbymöbelschraubern zu verwenden vergessen worden waren. Man hatte sie nicht ordentlich verräumt, deshalb rutschte Fink im Drauftreten darauf aus und da sieht man wieder einmal, wie wichtig es ist, alles immer ordentlich so zu verräumen, dass nichts passieren kann.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Fink einen blauen Fleck am linken Knie und am linken Ellbogen davontragen würde, war sehr hoch. Im Augenblick aber hoffte er nur darauf, dass kein Knochen gebrochen und kein Band gerissen war. Er saß am Boden im großen Raum, in und um seinen Kopf sauste es irgendwie seltsam, vielleicht mochte sich an der Stirn eine Beule entwickeln, und dann sah er tatsächlich ein kleines weißes Hemdgespenst durch den großen Raum hinüber zum Badezimmer schweben. Es hatte zwei rote Augen, kicherte fast unhörbar und war so etwas wie die personifizierte Frechheit, wobei Fink nicht klar war, ob ein Gespenst personifiziert sein konnte. Ein Gespenst war in keinem Fall eine Person. Außerdem beunruhigte Fink, dass es sich um ein sehr kleines Gespenst handelte. Es war so klein, dass es in seinem Gespensterleben nie im Leben in der Lage war, ein mächtiges, eisernes Gartentor geräuschlos zu öffnen. Das war leider ein Hinweis auf die Möglichkeit, dass auf diesem vom Draußen abgeschirmten Areal mindestens zwei Sorten von Gespenstern wohnten! Unter diesen Umständen war es eigentlich kein Wunder, wenn das Aufräumen dermaßen entglitt.
Und dann gab es noch die Nackte!
Fink sprang auf und räumte sich in die Dämmerung hinaus. Richtung Westen stand die Venus grell leuchtend über einem Rest von Abendrot. Das mochte helfen um KIarheit und Gewissheit zu gewinnen, fiel Fink ein. Gleichzeitig fragte er sich, was der grell leuchtende Planet am Abendhimmel mit der halb nackten Dame zu tun hatte und ob zwischen den beiden vielleicht eine Verbindung bestand, die genauso rätselhaft war wie das spukhafte Verhalten von Quanten, wenn man sie erst einmal in verschränkte Zustände versetzt hatte.
An der Rückwand des Hauses lag die lange Aluleiter, die er zur Steinernen schleppte und gegen ihren halb freigeschlagenen Steinbauch lehnte. Schon stieg er hinauf und es gelang ihm, sein linkes Ohr oberhalb ihrer linken Brust an den steinharten und steinkalten Brustkorb zu legen.
Da hörte er ihr Herz schlagen.
In kühlen Frühjahrsnächten, vor allem zu jenen Zeiten, an denen die Venus als Abendstern deutlich sichtbar, fast grell und eiskalt flimmernd im Westen steht, ist seither im kleinen Haus am Wiesenrand allerlei zu hören: Leises Gekicher ist dabei und Geräusche, als würde jemand aufräumen.
© Andreas Renoldner, März 2025
