Brita Steinwendtner
Ausschnitt aus dem Paliano-Kapitel aus einem Roman in Arbeit
Die Wiesen der sanften Hügellandschaft, auf die man von dem etwas erhöht liegenden Häuschen blickt, sind nur zum Teil gemäht. Große Heuballen liegen weithin verstreut, wartend in der Hitze des Mittags, ein unvollständiges Mosaik. Die ungemähten Wiesen stehen mehr als einen Meter hoch, sind schütter und dürr wie Heu, gelb wie reifes Getreide. Wilder Hafer ist in sie gestreut, leuchtendroter Mohn, Wegwarte und Käsepappel in den Schattierungen von Blau und Lila, weiß die Kamille, gelb die Margeriten. Beim Hollerbauern zuhause am Weiher wird das Gras geschnitten, wenn es kaum zwanzig Zentimeter hoch ist, saftiggrün und dick. Das wiederholt sich bis zu vier oder fünf Mal während eines Sommers. Nach jeder Mahd wird gedüngt. Womit, sollte man besser nicht wissen.
Vivien wartet.
Die Tage sind lang. Am Morgen, wenn er fort ist, oder am späten Nachmittag geht sie über die ausgedörrte Erde. Beobachtet den Mäusebussard, der nach der Mahd auf Beute späht, lange ohne Flügelschlag seine Runden zieht und einen durchdringenden Pfiff über die Ebene schickt. Unter ihm ist die unermüdliche Jagd der Schwalben und über die borstigen Stoppeln, die vom Mähen übriggeblieben sind, hüpfen die Spatzen. Mittags kommt heißer Wind auf, er kommt über die Senke zwischen den Hügelbergen. Kommt vom Meer her. Trägt die Sehnsucht über die Felder und durch die dunklen Pinienalleen. An den Gartenzäunen verschwenderisch blühende Jasminhecken. Ihr euphorisierender Duft hüllt die Menschen ein wie eine Stola aus Samt.
Sie hat den Tisch mit Blüten geschmückt, das Essen steht auf dem Gasherd, der Weißwein ist eingekühlt, der rote steht geöffnet im Schatten und Matteo berichtet von seinem Tag.
Eine schwarze Wolkenwand zieht auf.
Ein Gewitter geht nieder.
Ein Sichelmond steht am Himmel.
Die Sprache der Nacht ist rätselhaft und ruhelos.
*
Vivien ist Unruhe, Haut und Atem.
Ein im Akazienwind treibendes Blatt.
Geduldig schaut sie den Eidechsen zu, die durch das Gras und in die Ritzen der Steinmauern flitzen und erstarren, wenn sie sich bewegt. Sie sieht ihr Herz schlagen, ein winziges Pulsieren unter erhobenem Kopf unter grüngesprenkelter Schuppenhaut. Eine dicke schwarze Schlange, von der sie nur mehr die Hälfte sieht, flüchtet zurück in ihr Erdloch. Eine ausgewachsene Ringelnatter? Man sagt, eine Hausnatter beschütze das Anwesen, in dem sie wohnt. Sie will es glauben. Wenn es gegen Abend windstill wird, ist die Hafer-Wiese mit weichem Schimmer überzogen, die Halme erlöschen und schenken ihr Gelb dem schwindenden Licht. Die Monti Albani erdunkeln, die Castelli werden von den schwarzen Wäldern verschluckt, Lichter gehen an und blinken einen Abendgruß zu ihr herüber. Lichter von Straßenzügen und Häusern, vereinzelt und miteinander, weithin und beinahe bis Rom.
Aber da ist Matteo längst schon zurückgekommen.
Sie ist Aufruhr und will alles.
Den Tanz und die Agonie, die Frage und keine Antwort.
Will Taumel und Taifun und die Glätte des Meeres, wenn es erschöpft nach dem Sturm in der Mittagshitze liegt.
Sie kennt sich selbst nicht mehr.
*
Schwüle. Diesiger Himmel. Saharastaub über den Feldern, Wiesen und den Monti Lepini,
die Senke zum Meer hin ist verschleiert. Dichter ist der Himmel überzogen, trüber als zuhause. Zuhause? Weiherland ist abgebrannt … Zumindest in weiter Ferne. Die Sonne ist eine Milchglasscheibe. Einen Tag später ist sie nicht mehr zu sehen. Hügel, Berge, die Türme und Häuser von Paliano: weggewischt. Vierzig Grad. Die Eidechsenmännchen sind verrückt geworden, rennen durchs Gras, lauern auf den Steinmauern, stürzen sich plötzlich auf die viel kleineren Weibchen auf dem Terrassenboden nieder, die wie Kinder anmuten, zart und ahnungslos. Die Männchen packen sie mitten am Körper, beißen zu, lassen sich von den mühsam Flüchtenwollenden mitschleppen, ringeln sich um sie, kreiseln wild, verharren regungslos und kreiseln wieder als Knäuel über die Steinplatten. Welch gewaltsamer Akt. Am Rand des Schlangenloches sind die Steinchen verändert, die große, schwarze Schlange war offenbar auf Jagd in der vergangenen Nacht. Blaue Schmetterlinge, nicht viel größer als ein Daumennagel, tanzen über den Blüten des Wundklees. Ameisen haben eine Straße durch das Gras gelaufen, schleppen doppelt und dreifach so große Last wie sie selbst zu ihrem Erdloch, drehen sich davor flugs um und krabbeln verkehrt in den Bau. Die Heuballen, nur mit einem durchsichtigen Kunststoffnetz zusammengehalten, liegen müde auf den Stoppelstrünken und auf brauner, trocken-staubiger Erde. Regen ist nicht zu erwarten.
