Alexandra Turek
agrippina
colleferro, südlich von rom,
ist kein ort
eher ein durchzugsgebiet
(so kann man es nachlesen)
wieder stehe ich
am kleinen bahnhof
dort und
der weg zeigt
auf die munitionsfabrik
die einmal da stand
die der großindustrielle
kurz vorm krieg vorm abhang
hier aufgebaut
ein nicht ort
eisen und stahl,
das heißt auch
viele arbeiter
die kriegsdienst leisten
und schon denk ich
an die sklaven,
die man für die monumente brauchte
damit der glanz der kriegsherrn ...
bis über alle weltmeere ...
glanz der stube agrippinas
agrippina, die schöne afrikanische kellnerin
aus colleferro
die perfekt, aber so was von perfekt
deutsch spricht
krieg munition glanz
ein altes geschäft
also sehe ich mich woanders um
und komme in das bistro
wo nach feierabend, wie jeden abend,
die carabinieri in ihrer schönen uniform
den polizeiwagen aber
haben sie direkt vorm lokal
abgestellt
sie genehmigen sich einen bunten drink
einen oder doch lieber noch einen zweiten?,
fragt agrippina, die genau weiß,
heute ist die kasse noch
ziemlich leer
während am nebentisch zwei
ältere männer wiederholt zu mir hinüberschauen,
ihnen gefällt meine sprache nicht, so wird es sein,
ihr blick– finstern, mir abgewandt
seltsam betreten, als wäre etwas
ungemütlich
während agrippina
voller freude mit mir
deutsch spricht, agrippina, die schöne,
deren familie mal in deutschland lebte
agrippina, die schöne, die von der vorstadt hier,
von diesem ort hier, nie
weggekommen
ist,
das erzählt sie mir, die ich doch
bevorzugt allerorts in verlassenen
bahnhöfen und busstationen
hocke – als ob mein leben noch nicht
angefangen hätt ...
da zieh ich schon wieder weiter,
ins bahnhofscafé,
in die verstaubte bar
nah der gleise,
zum regionalzug, der mich, den pendlern gleich,
schnell wieder
weiter, also in die hauptstadt,
bringen soll
abends treffen wir auf
schlecht beleuchteten bahnsteigen
aufeinander – die menschen erzählen mir
in grellgelben aufzügen,
auf harten bänken, mit füßen so schwer ...
sie sprechen von ihrer kleinen stadt
und wie sich nach und nach durch das große
einkaufszentrum alles
verändert hat
während mir agrippina
in meinem neuen stammlokal
wie jeden abend
einen leichten drink serviert
aber nur noch einen bitte, sage ich zu ihr,
während sie mir gleich schon den
nächsten bringt ...
katzelmacher, so nannte die großmutter die italiener
und der großvater tat es auch ...
katzelmacher, was bedeutet das?
warum? was hatte sie dazu gebracht?,
fragte ich mich als kind, als ich glaubte,
als ich ihnen noch alles glaubte, und dachte,
ja, ich dachte, sie würden in diesem land
die katzen von den dächern
jagen um sie dann zu verspeisen, das sagte der großvater,
so hat man es dort immer schon getan...
dann sprach er noch von diesem anderen ort und
wie die kaiserin zita zu besuch kam und danach ihrem bruder,
dem feindlichen lager,
die stellungen der österreichischen soldaten
schnurstracks verraten hat, woraufhin
sie dort alle umgekommen sind
unsere soldaten, so sprach er,
und wie er auf dem rostfarbenen nierenküchentisch
diese geschichte mehrmals wiederholte,
beim mitag- und beim abendessen nochmals, damals
alles von seinem küchentisch aus
ach die alten kriege
dort lag einst die große fabrik
die nach dem durchzug der
deutschen bomber
genau wie der gesamte ort
nur mehr in schutt und asche lag
das ist wieder eine andere geschichte
doch dazu fällt mir heut nicht mehr viel ein denn
ich bin wieder mitten im
leeren zentrum
agrippina hat heute ihren
freien tag und ich sehe
einigen wenigen menschen nach
die geschäftig durch die vielen kleinen
gassen rennen
mir ist so heiß
eine hauptstraße gibt es noch, sonst nichts,
nur
supermarkthallen während draußen
unweit der stelle,
wo einst die fabrik stand,
die vielen lastwagen der amazonhauptzentrale
unmengen von waren in die große weite
fahren, an den rändern der städte, ja, in den büschen, drüben,
im zittrigen schattenrohr, legen sich die fernfahrer
einige stunden lang
nieder
aber was ist mit
agrippina,
wo ist agrippina geblieben?
agrippina, die schöne, in ihrem blitzblanken lokal,
agrippina, die vermutlich ihren kleinen ort
nicht mehr verlassen wird
agrippina, die so gern deutsch spricht und
hier in colleferro so gerne gäste aus anderen ländern empfängt.
© Alexandra Turek
