Daniel Zipfel
Die Wahrheit der anderen (Romanauszug)
Brandt hatte die Jalousien zugezogen. Ich hatte geblinzelt, erst nach einigen Augenblicken das große Bett im fahlen Licht erkannt, einen Ohrensessel, eine Kommode mit einer Mappe des Hotels. Das Innere der offenen Minibar hatte in schmutzigem Weiß gestrahlt. Ich hatte die Tür zugedrückt. Brandt war an dem schmalen Schreibtisch gesessen, über seinen Laptop gebeugt, hatte sich nicht nach mir umgedreht. Auf dem Bett war die Zeitung mit den Bildern aus London gelegen. Brennende Häuser, brennende Autos, ein brennender Bus. Hilflose Polizisten in gelben Westen. Ich hatte die Koffer neben den Kleiderschrank geschoben, hatte versucht, Brandt über die Schulter zu schauen, vergebens. Ich hatte vermutet, dass er wieder im Archiv der Süddeutschen nach seinem Namen suchte, nach den alten Artikeln.
„Du musst mir helfen“, hatte ich ihn sagen gehört.
„Warum? Was machst du?“
„Ich brauche deine Hilfe. Du kannst auch später zu den Booten gehen. Kannst alleine hingehen. Kannst es haben, das Bootsrennen, kannst alles alleine schreiben. Von mir aus bezahl ich dir auch eine Bockwurst. Jetzt musst du mir aber helfen.“
Als ich näher gekommen war, hatten seine Hände gezittert.
„Nimm den Computer“, hatte Brandt gemeint. „Ich sage dir an.“ Neben ihm waren zwei leere kleine Weinflaschen gestanden. Er hatte einen Prosecco aufgeschraubt, mir wortlos die Flasche in die Hand gedrückt.
„Was machen wir?“ hatte ich gefragt.
„Setz dich.“ Er hatte auf das Bett gezeigt. „Wir schreiben über London.“
„Wir sind aber in Klütz.“
„Das weiß doch keiner. Und selbst wenn, das interessiert doch keinen. Es geht um die Geschichte, Kleiner!“
Ich hatte gelacht, hatte einen Schluck Prosecco genommen, aber Brandt hatte mich mit unbewegter Miene angesehen. „Jetzt nimm den Computer.“
