Ursula Wiegele
Wenn die Glocke im Turm der Kapelle St. Peter bimmelte, erinnerte mich das Ambiente an das italienische Dorf Brescello. Ob nicht Don Camillo gleich um die Ecke biegen würde?
Ich gestehe: Ich hab es mit den Türmen und liebe altes Gemäuer. In gleich drei meiner bisherigen Romane habe ich Protagonisten zeitweise in Turmzimmern einquartiert. »Literarische Wunscherfüllung« würde das ein Psychologe vermutlich nennen.
2021 konnte ich in der Turmsuite einer Villa in Meran/Südtirol wohnen und schreiben, in Balzers durfte ich sogar ein ganzes Turmhaus allein bewohnen. Allein? Meine Romanfiguren sind aus anderem Stoff, dennoch saßen sie mit mir in der Küche, im Atelier oder auf der Terrasse, nächtens manchmal auch auf der schönen Holztreppe. Im Turmhaus fühlten sie sich wohl und wurden sehr mitteilsam.
Trotz aller Zugewandtheit zu meiner Arbeit am Roman war ich aber keine Bewohnerin eines Elfenbeinturms.
Turmherrin, Rapunzel, Schlossfräulein: Augenzwinkernde Anreden in Emails, die ich in meiner Zeit im Turmhaus erhalten habe. Aus Österreich. Jemand schrieb mir, das Turmhaus sehe aus wie eine Festung. Straßenseitig betrachtet kann ich das nachvollziehen. Mauern (auch) als Schutz gegen Wind und Wetter. Am hinteren Eingang bei der Terrasse aber zeigt das Turmhaus seine liebliche Seite. Da wirkt es wie eine mediterrane Klause. Eine Föhre davor, die Schatten spendet. Rundum Wiese mit im Wind wogenden Gräsern. Hangaufwärts weideten Schafe.
In seinem Inneren ist viel Musik erklungen – mir schien, das Turmhaus war besonders gern Resonanzraum für Gesänge aus Mittelalter und Renaissance. Es hat sich aber auch nicht gewehrt gegen die Musik italienischer Cantautori der Gegenwart.
Ob in seinem Innern auch irgendetwas von mir zurückgeblieben ist? Ein paar Klänge in den Strukturen von Stein und Holz? Obertöne, Untertöne, Zwischentöne?
Ursula Wiegele, 2022
