• Julia Miesenböck

    Ankunft


    Ich hatte einen großen Rucksack dabei und freute mich auf den Balkon und die großen Fenster. P. führte mich in ein dunkles Zimmer, überall lag Staub. In einer Ecke befand sich eine große, alte Ofenheizung aus Keramik, wie sie noch in manchen Wiener Altbauwohnungen zu finden ist. Auf dem Bett lagen einige Tuchenten, auch sie waren total verstaubt, und ich dachte mir nur: Wie gut, dass ich meine eigene mitgenommen habe. Die Ofenheizung war eingeschaltet, obwohl es Mai war und draußen 20 Grad hatte. Ja, eingeschaltet, sie war zwar alt, aber hatte ein elektrisches System eingebaut. Es war unerträglich heiß und ich versuchte, die Heizung auszuschalten, aber es dauerte, bis ich herausfand, wie das ging. Es war nicht schwer, man musste einfach ein Kabel herausziehen.

    Am nächsten Tag in der Früh ging ich eine Runde spazieren und noch auf der Straße bekam ich eine SMS von P., ich solle mich bei meiner Rückkehr nicht wundern, wenn jemand in der Wohnung sei, sie diene nämlich manchmal als Wartezimmer für den Gynäkologen, der nebenan seine Ordination habe. Und wirklich saßen dann einige Menschen in der Wohnung, Männer, vermutlich warteten sie auf ihre Frauen, die gerade bei der Untersuchung waren. Warum begleiteten sie sie nicht hinein, warum sitzen sie mir da in meiner Wohnung herum, ich bin doch hier, um zu arbeiten. Mir fiel ein, dass ich einen Schlüssel habe; am nächsten Morgen würde ich einfach alles absperren.
    Als ich am zweiten Tag von meinem morgendlichen Spaziergang in die Wohnung zurückkam, stellte ich fest, dass jemand die Fenster herausbrach. Handwerker. Sie meinten, das sei wirklich notwendig. Ich schrie und schimpfte. Ich bin hier zum Arbeiten, das ist nun wirklich zu viel. Die Handwerker verschwanden und ich machte sauber, wischte alle Fußböden und auch den Balkon, deckte mich mit Vorräten für mehrere Tage ein und arbeitete bei offenen Fenstern. Wenn es kalt war, schaltete ich die Ofenheizung ein, die war immer stark genug. 
     

    Dienstag – Samstag


    Dienstag
    Diese Stadt hat mehr Tote als Lebende. Wie jede andere auch. In Bezug auf die Anzahl lebender Einwohner:innen liegt sie ungefähr gleich auf mit meiner Heimatstadt, um die 8 000. Das war es dann aber auch schon wieder mit allen Gemeinsamkeiten. Nein, eine gibt es doch noch: die Lage im Grenzgebiet. Aber hier sind es nur knappe zwei Kilometer bis zur Grenze, und aus meiner Heimatstadt um die siebzehn. 

    Der hiesige ehemalige Friedhof ist heute ein Park. Auf einem gut erhaltenen Grabstein steht, dass der Friedhof 390 Jahre lang existierte und 1972 aufgelassen wurde. Und dass hier 35 000 Menschen begraben wurden. Zwölf Generationen. Es wundert mich, dass sich Generationen so einfach zählen lassen, vielleicht ist das eine Hochrechnung, vielleicht gibt es dazu irgendwelche Regeln.

    Mittwoch
    Am Nachmittag beantworte ich Mails und höre Radio Ö1 über die Stereoanlage. Österreichische Sender lassen sich hier problemlos empfangen. In den Nachrichten wird gemeldet, dass die älteste Österreicherin verstorben sei. Sie wurde 111 Jahre alt, am 6. Juni hätte sie ihren 112. Geburtstag gefeiert. Sie wurde also noch in der Monarchie geboren, noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den man lange den Großen Krieg nannte.

    Donnerstag
    Ich möchte nach Břeclav fahren, um mir das dortige Regionalmuseum und die Synagoge anzusehen. Den Zug um 12:51 schaffe ich nicht mehr, der nächste geht um 13:52. Ich breche auf Richtung Bahnhof, würde noch ein bisschen herumgehen und dann den Zug nehmen, möchte den Galgenhügel sehen, nur aus der Ferne, und dann zum Bahnhof zurück. Neben der eingleisigen Trasse ist ein ausgetretener Pfad, dann geht es weiter auf einem asphaltierten Radweg. Ein Jogger kommt mir entgegen, grüßt mich freundlich, Ahoj, hier duzt man sich also, doch noch eine Gemeinsamkeit mit meiner Heimatstadt. Ich grüße zurück, aber da ist er schon an mir vorbei. Richtung Galgenhügel, Šibeniční vrch, ist alles wunderschön grün. Der Galgenhügel ist eine nicht sehr hohe Erhebung, bewachsen mit Bäumen und Sträuchern. Aber es gibt keinen Pfad, der hinaufführt und querfeldein möchte ich nicht gehen. Immerhin beginnt direkt neben dem Kiesweg ein Naturschutzgebiet, das zeigt auch eine Tafel an. Mir fällt ein, vor vierzig Jahren wäre es unmöglich gewesen, hier spazieren zu gehen. Die Grenzwache hätte mich erschossen. Oder ich hätte Glück gehabt und wäre nur angeschossen und verhaftet worden.

    Der Weg führt nach rechts, weg vom Hügel und in Richtung Teich. Er heißt Šibeník. Galgenteich. Am Wegrand wachsen Kräuter, die irgendwie besonders aussehen, ich fotografiere sie mit meiner Pflanzenerkennungs-App. Pfeilkresse, ein Unkraut mit besonders tiefen Wurzeln. Zypressen-Wolfsmilch, hochgiftig.
    Am Rückweg geht starker Wind. Ich stelle fest, dass mich jemand angerufen hat – eine unbekannte Nummer, ich rufe zurück. Eine Frau von meiner tschechischen Krankenversicherung. »Sie sind irgendwo im Wind«, sagt sie. »Ja, ja«, antworte ich. Und stelle mich unter einen Baum, da hört sie mich dann besser, wie sie bekräftigt. Sie rufe an, weil ich um Rückzahlung angesucht habe, ich hatte eine Gutschrift aus dem letzten Jahr, weil ich in zwei Ländern selbständig tätig bin, die nötigen Dokumente zur Jahresabrechnung schicke ich noch, sobald ich weiß, wie das mit den Steuern ist. 

    Der Wind ist stark und macht das Gehen anstrengend. Der Zug nach Břeclav ist schon weg und ich bin auch schon müde, gehe zurück in die Stadt und kaufe noch etwas in der Greißlerei gegenüber, die um 16:30 schließt. Sie haben viel besseres Brot als der Supermarkt und Mozzarella in Scheiben.

    Samstag
    In der Früh fahre ich mit meiner Kollegin mit dem Auto von Wien in eine andere Grenzstadt südlich der Hauptstadt. Wir unterrichten dort Tschechisch und Area Studies zu Tschechien. Wir steigen aus dem Auto aus, die Luft riecht nach Meer. 

    Liegt es an dem nahegelegenen Steppensee, der früher viel größer war, und jetzt langsam austrocknet? Oder an dem Wind, der über die ungarische Tiefebene salzige Luft von der Adria bis hierher weht? Vielleicht, denn südlich von uns gibt es weder die Alpen noch andere Berge.
     

    Sonntag


    Ich gehe nochmal auf den alten Friedhof, der jetzt ein Park ist, um die Zahlen zu überprüfen, die ich dort auf dem Grabstein gesehen habe. Dahinter liegt der neue Friedhof. Er ist abgeschlossen, zumindest das Tor, das von hier dorthin geht. Der Park ist nach Franz von Sonnenfels benannt, einem Gelehrten aus einer jüdischen Familie, die sich nach Franz' Geburt in Wien niederließ und zum Katholizismus konvertierte. 

    Ich gehe auch auf den jüdischen Friedhof, der direkt neben dem Park liegt, Richtung Norden. Am Eingang steht ein riesiges Gebäude. Die Trauerhalle. Also die ehemalige Trauerhalle. Jetzt ist dort die Kassa und dahinter eine kleine Ausstellung. Ich kaufe mir eine Eintrittskarte und informiere mich über jüdische Bestattungsrituale. Was die Leute trugen: weiße Hemden, die in den Nähten keine Knoten haben durften. Und wenn jemand starb, legten sie ihm Federn auf den Mund, um sicherzustellen, dass der Mensch wirklich tot sei und nicht mehr atme.
    Der jüdische Friedhof Mikulov ist nach dem in Boskovcie der zweitgrößte in Mähren. Und er ist riesig. Mir kommt vor, er sei größer als der neue und der alte katholische Friedhof zusammen. Die Grabsteine stehen nah aneinander, sind verfallen, oft sind sie umgefallen und liegen am Boden. Dann gibt es massive Stelen, die sind neuer und tragen deutsche Aufschriften. Also österreichische. Das erste Monat im Jahr heißt überall Jänner, nirgendwo steht Januar.

    Am Nachmittag besuchen mich Anna und Sylva aus Brünn. Im Juli bin ich zu ihrer Hochzeit eingeladen und sie erledigen gerade alle administrativen Notwendigkeiten, weil die tschechische Bürokratie bestimmte Namenswechsel sehr schwer macht. Die beiden werden so heißen wie Annas jüdische Urgroßmutter. Wir gehen auf einen Kaffee und danach zeige ich ihnen noch meine Wohnung. Sie liegt im ersten Stock eines Hauses direkt unter der Kirche. An der Eingangstür steht Hanka F. Hanka heißt auch die Hauptfigur des letzten Romans, den ich übersetzt habe. Der Debütroman einer jungen Autorin. Hanka heißt auch die Hauptfigur eines anderen tschechischen Debüts, »Im Schrank« von Tereza Semotamová. Jetzt verstecke ich mich für ein Monat hinter dem Namen. 

    Neben der Eingangstür ist eine weitere Tür, die offenbar zum Dachboden führt. Sie ist mit einem Vorhängeschloss und einem Teelöffel abgeschlossen, aber nicht versperrt, Anna zieht den Löffel hoch und nimmt das Schloss ab, die Tür geht auf. Eine Holzstiege, so steil wie eine Leiter, führt nach oben. Anna klettert voran und wir folgen ihr. Annas weißen Rock überzieht eine dicke Schicht Staub, auf dem Dachboden ist es leer, nur ein alter Kinderwagen steht dort herum. Aber am anderen Ende gibt es eine Art kleinen Gang, den sie ansteuert, und wir folgen ihr. Wirbeln immer mehr Staub auf, der auf unseren Kleidern hängenbleibt. Der kleine Gang führt zu einer steinernen Wendeltreppe, die wir hochsteigen, und die uns zu einer weiteren Tür führt; Anna drückt vorsichtig und sie geht sofort auf.

    Eine weitere Wendeltreppe führt uns nach unten und wir stehen in einem riesigen Raum mit mehreren galerieartig eingebauten Ebenen und Fenstern auf einer Seite. Wir sehen uns um. Eine Ecke ist mit einer weißen Plane abgedeckt, dahinter steht ein Waschbecken und daneben hängt ein Tuch; Anna nimmt es und wir klopfen uns damit den Staub ab. Ich denke dabei an das Barchestuch ihrer Großmutter, von dem sie erzählt hat.
     

    Julia Miesenböck, Mai 2026

    Zu den weiteren Texten und Fotos unserer Residency-Gäste: Passignano, Mikulov, Balzers, Paliano